Reportagen und Porträts

Wir halten Wahlen ab, so wie manche Urvölker Regentänze aufführten
WOZ 16. Juli 2015
 Er mache keine Politik mehr, sagt er. Dabei lässt er doch keine Gelegenheit aus, Stellung zu nehmen zu den politischen Ereignissen, seine Zuhörer zu provozieren und die PolitikerInnen zu attackieren. Auf Kongressen, in Podiumsdiskussionen, in unzähligen Videos im Internet. Auch kreist sein philosophischer Diskurs nach wie vor um die alten Fragen: Arbeit, Ökonomie, das Leiden amKapitalismus, und wie man diesen zu Fall bringt. Was also soll das heißen, keine Politik mehr?
Klar, sagt Franco Bifo Berardi, ein Aktivist sei er immer noch – aber kein politischer. Denn die Politik, die gebe es nicht mehr. Politik sei für ihn die Fähigkeit des menschlichen Willens, die gesellschaftlichen und technologischen Prozesse zu lenken – und diese Fähigkeit sei längst zugrunde gegangen. Die Demokratie? Eine Fiktion. „Nur aus Heuchelei sprechen unsere Politiker von Demokratie in einer Zeit, in der das Finanzwesen alles entscheidet. Die Institutionen der Demokratie sind übrig geblieben, ihre Rituale. Wir halten Wahlen ab, wie manche Urvölker Regentänze aufführten. Hatten ihre Tänze Einfluss auf den Gang der Wolken? “
Die Politik mag zugrunde gegangen sein, Berardis polemische Kraft und seine Ironie sind es offenbar nicht. Zur Person der Zeitgeschichte wurde er einst als Aktivist der Autonomia operaia, der außerparlamentarischen linken Bewegung, die Antonio Negri 1973 ins Leben rief. Der Beiname Bifo war ursprünglich nur ein Pseudonym, mit dem er als Jugendlicher Bilder signierte. Aber als Berardi 1976 der Mitgliedschaft in den Roten Brigaden beschuldigt und verhaftet wurde, sprayten seine Genossen die Hauswände Bolognas mit der Inschrift „Bifo Libero“ (Bifo frei) voll . Der Vorwurf erwies sich als haltlos, nach einem Monat kam er frei. Den Übernahmen ist er nicht mehr los geworden.
Die Schiffe der Gifte

greenpeace magazin 6.10

Vor Kalabrien liegen Wracks mit giftigem und radioaktivem Müll auf dem Meeresgrund. Staatsanwälte wurden zum Schweigen gebracht, Journalisten ermordet. Ein Kronzeuge behauptet, Politiker hätten die Mafiaorganisation ‚Ndrangheta beauftragt, die brisante Fracht illegal zu entsorgen. Wer lügt in dieser unfassbaren Geschichte?

Still ist es im Hafen von Cetraro. Keine Fischer sind zu sehen, nur wenige Boote schaukeln im Wasser am Kai. Um einen Poller hat sich eine Gruppe von Männern versammelt, einer hält eine Angel ins Wasser, andere lachen oder schauen ihm zu. Mit Fremden werden sie nicht reden, hatte die Sprecherin des Fischervereins angekündigt. Die Männer wollen von der Geschichte nichts mehr hören, sie habe ihnen sehr geschadet. Erst wurde das Fischfangverbot verhängt, dann dieses rätselhafte Wrack entdeckt, und nun traut sich niemand mehr, Fisch aus Cetraro zu kaufen. Dieses Dorf nahe Cosenza an der kalabrischen Westküste hat in Italien traurige Bekanntheit erlangt, weil in seinen Gewässern mit 
Cä-sium kontaminierte Fische gefangen wurden. Dort liegt das Wrack, in dem 120 Container voll radioaktiver Schlacken liegen sollen – glaubt man dem 
Ex-Mafia-Mitglied und Kronzeugen Francesco Fonti….

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Der Kronzeuge

Frankfurter Rundschau

Er war Sohn und Helfer eines der wichtigsten Mafia-Vertrauten in der italienischen Politik. Massimo Ciancimino weiß mehr, als vielen Mächtigen lieb ist. Jetzt redet er.

Um ein Haar hätte das Treffen mit Massimo Ciancimino nicht stattgefunden. Kurz vor dem verabredeten Termin muss er seine Fahrtroute ändern. Kein Lebenszeichen mehr von ihm. Sein Handy – tot. Er habe es ausgeschaltet, sagt er am nächsten Tag, und sei, statt nach Rom zu fahren, nach Florenz abgebogen. „Um das Unvermeidliche zu vermeiden,“ fügt er hinzu. In der gewundenen Sprache der Sizilianer, die es gewohnt sind, in Andeutungen zu reden, bedeutet das: Um zu vermeiden, ermordet zu werden. Es klingt dramatisch, kann in Italien aber eine realistische Einschätzung der Lage sein. Jeder Mafia-Aussteiger, der mit der Justiz zusammenarbeitet, hat gute Gründe, sich vorzusehen.

Vor allem einer wie Massimo Ciancimino. Denn Ciancimino ist kein gewöhnlicher Mafia-Kronzeuge. Er ist der Sohn von Vito Ciancimino, einem christdemokratischen Politiker, der von 1959 an Stadtbaurat Palermos war und 1970 für kurze Zeit Bürgermeister der Stadt. Und der dreißig Jahre lang für gute Beziehungen zwischen dem italienischen Staat und der sizilianischen Mafia sorgte. Bis zu seinem Tod 2002 hat ihm Sohn Massimo als Postbote, Chauffeur und Mädchen für alles gedient. So hat er Einblicke gewonnen ins Innere der Cosa Nostra, aber auch von deren Verbindungen zur Führungsspitze der Politik erfahren. Für einige, die in Italien das Sagen haben, ist er damit zur Bedrohung geworden. Massimo Ciancimino ist gefährlich – und gefährdet zugleich …

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Alles für die Familie

ZEIT

Das Blutbad von Duisburg wurde hier geplant, von hier stammen auch die Opfer. Zu Besuch in San Luca

Teresa Strangio läuft in die Küche ihres Hauses und wirft die Zeitungen des Tages auf den Tisch. Sie presst ihren Zeigefinger auf die Zeilen, die sie so wütend machen. Zeilen über den Tod ihres 16-jährigen Sohnes Francesco Giorgi. Er wurde mit fünf anderen Männern vergangene Woche vor einer Pizzeria in Duisburg erschossen. »Ich will endlich die Wahrheit wissen!«, schreit Teresa Strangio. Die kleine, kräftige Frau Anfang 40 wirkt eher wie eine zeitgenössische Medea denn wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat.

Ihr Haus liegt am Ortseingang von San Luca, ein zweistöckiger Bau, ungetüncht wie so viele Häuser Kalabriens. Frauen in Schwarz stehen Schlange vor der Treppe, um der Familie Beileid zu bekunden. Oben in den Bergen, die den Ort umzingeln, ragt ein schroffes Felsenensemble hervor. Die Spur eines Erdrutsches. An manchen Tagen, je nach Lichteinfall, sehe es aus wie ein Totenkopf, sagen die Bewohner …

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Der Kranionaut. Ein Porträt des Schriftstellers Aris Fioretos

Berliner Zeitung

Die S-Bahn war es. Ihr fernes Grollen, das wie unterirdischer Donner klang. Als er, die Hände im Nacken verschränkt, auf dem Sofa liegend, dem Geräusch lauschend, dabei einschlief, ahnte er, den Puls der Stadt gefunden zu haben. Den Soundtrack Berlins. Ein beständiges Rasseln, „wie Rosenkränze in den Händen Herthas“.

Ungefähr so hat er in einer hiesigen Tageszeitung davon berichtet, wie alle Eindrücke damals, bei seinem ersten Berlin-Besuch Ende der Siebziger Jahre, in einem einzigen Ton zusammenschmolzen. Wie sich der Ton dann, Jahre später, als ein topos herausstellte. Zufällig stieß er in Los Angeles auf eine englische Ausgabe von Maschenka, Vladimir Nabokovs Debütroman, 1925 in Berlin fertiggeschrieben. Auch darin war von Berliner Eisenbahnschienen und S-Bahnzügen die Rede, in der Metropole der Zwanziger müssen sie nicht anders gedröhnt haben als in der Baustelle von heute. Er sehnte sich nach beiden. Kehrte, wenn auch einige Jahre später, nach Berlin zurück. Immer wieder. Und irgendwann wurden die Aufenthalte länger. Und eines Tages – da lebte er mit seiner Familie schon eine Weile an der Spree – kam der Anruf der schwedischen Kulturministerin. Sie stellte ihm den Posten eines Botschaftsrates für kulturelle Fragen in Aussicht. …

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Der retouchierte Krake /Mafia-Fotografin Battaglia

Frankfurter Rundschau

Sie liebe das Leben, sagt sie. Und das Kino, die Dichtung, den Himmel über Palermo. Genau überlegt, liebe sie alles. Nein, nicht lieben: „Adoro“, sagt sie. Was auf Italienisch mehr bedeutet denn lieben. Liebe, Verehrung und Hingabe stecken in dem Wort. Man kann nicht anders, als sie erstaunt anzuschauen, wenn sie „adoro“ sagt, diese 73jährige Frau mit schattenumringten, warmen Augen, bunten Röcken und immer einer Zigarette in der Hand: Letizia Battaglia.

Letizia Battaglia ist mit den Toten bekannt geworden, die sie fotografiert hat. Mafia-

Tote, gerade Ermordete auf den Straßen Siziliens, in ihren Blutlachen oder in durchschossenen Wagen. Kopfüber auf dem Pflaster liegende Leichen, man könnte sie für Penner halten, die betrunken zu Boden gefallen sind. Auf dem entblößten Rücken ein Christus-Tattoo, daneben ein roter Fleck.

Die Bilder haben die Welt durchwandert. Für sie wurde Letizia Battaglia vergangenes Jahr der Erich-Salomon- Preis für Fotografie verliehen. Jetzt bedenkt sie das Willy-Brandt-Haus in Berlin mit einer kleinen Ausstellung, 78 Fotos, ein Abriss ihres Gesamtwerks „Im Kampf gegen die Mafia“.

Da sieht man den Richter Cesare Terranova noch im Fahrersitz kauern, den Kopf gegen die Brust gedrückt, den Bauch mit Löchern gesprenkelt. Ein Junge, er mag 19, 20 gewesen sein, das Engelsgesicht gen Himmel gerichtet, ruht rücklings in der Mitte eines Platzes. Die Neugierigen rundum stieren auf den leblosen, noch warmen Körper wie auf Unabwendbares. Das Fatum ist auf Sizilien der einzig wahre Gott, und die Mafia, die Tote fordert, hat man lange für den Willen Gottes gehalten. Als gehörte sie zum Kreislauf der Welt …

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Wir waren der Kommunismus

taz

Der Schriftsteller Erri De Luca schloss sich 1968 Italiens Arbeiterbewegung und später Lotta continua an. Heute schreibt er über den Abschied. Ein Porträt

Die Stimme ist rau. „Signore De Luca?“ Aus 1.700 Kilometer Entfernung über die Telefonleitung: „Ich bin’s.“ Freundlich, aber verhalten. Dann eine Pause und das mulmige Gefühl, in jemanden zu bohren, der es nicht gern hat. Erri De Luca hat schließlich schon alles über sich gesagt. Schriftlich. „Ich schreibe nur über meine eigenen Angelegenheiten“, behauptet er steif und fest. Gut. Erfundenes kommt aber hinzu. Wie soll man denn unterscheiden zwischen Wahrheit und Dichtung? „Wenn man es könnte, hätte ich schon längst Probleme mit den Justizbehörden gehabt“, ist die Antwort. Trocken. Keine Fragen mehr dazu. Ich kann davon ausgehen, dass das Telefon des Schriftstellers abgehört wird. …

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