Kunst

Representing mobilities. An Interview with Marina Sorbello and Antje Weitzel by Aureliana Sorrento, Katalog „Transient spaces“, August 2010

Aureliana Sorrento: “The tourist syndrome” is a term coined by Zygmunt Bauman. For him, the tourist, who happens to be ‘in’ a place without being ‘of’ that place, is a metaphor for contemporary life. We are all tourists in the sense that we all live in a kind of transit space, transit time: jobs, places, friendships, and partnerships today are provisional, precarious, and episodic. The contemporary individual wanders from one experience to another, from one situation to another, from one thrill to the next – a consumer of experi- ences. To this figure Bauman opposes that of the vagabond, whose nomadic life is not of his choice, but rather a con- sequence of poverty, unemployment, and homelessness, say, of the exclusion from the consumer society. The project Transient Spaces – The Tourist Syn- drome moves between these two poles, focusing on the phenomenon of tourism on the one hand and on current migration dynamics on the other. How much have Bauman’s theories shaped the project?

Marina Sorbello / Antje Weitzel: We borrowed the definition from Zygmunt Bauman for the title of our pro- ject. His theories about contemporary life, and what he calls “liquid society” in particular, are helpful when considering many aspects of our current, western lives, such as the way we relate to our environment; how we consume places; the urge to consume in general and how “consuming” and “being” overlap. In recent years, due to European Union enlargement, significant changes have occurred in the distribution of the European population across the continent, in tour- ists’ routes and the circulation of people. The United Kingdom has become home to over one million young Polish people seeking a better life and better working conditions abroad, yet still influencing politics within Poland with their votes. Ireland hosts the biggest Lithuan- ian community outside Lithuania. Eastern European women took over the care of the elderly in countries such as Italy, Austria, and Germany. Dispersed peoples – formerly separated from their homelands by oceans and by political barriers – increasingly find themselves in border relations with “the old country” thanks to a to-and-fro movement made possible by modern technologies. Aircraft, telecommunications, the Internet, and mobile job markets effectively reduce distances and facilitate two-way traffic – legal and illegal, formal and informal – across global locations. Low-cost air- lines and affordable, capillary land transportation connect places, allowing an increasing number of people to travel for work and for leisure.

For Bauman, “liquid modernity” differs from the traditional society of “solid modernity” in the sense of its extreme flexibility and mobility and non-committal attitude – that of tourists shipped to a location for a per- iod of time. Bauman uses tourism as a metaphor for contemporary life in western societies, where, as we all know, transformation, precariousness, and states of becoming are the social realities we have to deal with. The interview with Zygmunt Bauman by Adrian Franklin, reproduced in this book (pp. 8–15), has been for us a source of inspiration and reflection. In the course of this two-year project we researched further and encountered many other theories, views, and inspira- tional sources that also consistently gave shape to the project, along with the constant dialogue and exchange with the artists. The fact that we worked with different formats, media, and disciplines has enriched the pro- ject a great deal.

AS: So how did the project Transient Spaces – The Tourist Syndrome come about?

MS / AW: We came up with the idea – inevitably – while traveling, out of self-observation, out of the question of whether we both are perpetual migrant laborers, and at the same time tourists, because of the superficial way we happen to “consume” places during our short work journeys. Basically, the consideration behind this is how the paradigm of mobility alters and controls our lives today, and how, in the context of global socio- economic development, new forms of work, free time, and retirement, or rather, “post-employment” life, emerge and are constructed.

Of course one can say that migration flows have always existed. Just as there have already been a variety of exhibitions and research on migration and tourism as separate phenomena. What was interesting for us in particular was to compare and examine these two seemingly opposite forms of movements – migration and tourism – how they are related and interdependent… weiterlesen

In der Dachkammer. Russische Kunst im auswärtigen Amt/Berlin, Frankfurter Rundschau

„Born in the USSR“: Der Vorsatz des Internationalen Deutsch- Russischen Clubs ist ehrenwert: Er will in der Schau ein breites Spektrum zeitgenössischer russischer Künstler vorstellen. Aber…

Marina Gertsovskaja hat es gewiss nicht so gemeint. Weg, raus hier, hinaus, zur Sonne, an die Luft. Nein, so hat sie es gewiss nicht gemeint. Doch kann man nicht umhin, ihren auf weiße, wehende Tücher gedruckten, ineinander verkeilten, sich voneinander lösenden, sich drehenden, streckenden, schwebenden Figurengruppen einen unbedingten Fluchtdrang anzudichten. „Die Fliegenden“ heißen sie, glücksselig schwerelose Körper, deren Nacktheit, wenn auch erotisch, die Unschuld von Engeln besitzt.

Komischerweise hat man sie im Lichthof des Auswärtigen Amts in Berlin zwischen Kordeln und Sicherheitsschleusen auf der möglichst kleinen Fläche mit 39 anderen Kunstwerken zusammengepfercht. Aufs Bildhafteste demonstrieren sie, wie Kunst am Karren der Politik unausweichlich an Enge leiden muss. Dabei ist der erklärte Vorsatz des Internationalen Deutsch-Russischen Clubs, der die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen fördern will und die Ausstellung „Born in the USSR – Russische Kunst aus Deutschland“ initiiert hat, durchaus ehrenwert: „ein breites Spektrum zeitgenössischer Künstler vorzustellen, die in der ehemaligen UdSSR geboren wurden, seit Jahren aber überwiegend in Deutschland leben und arbeiten.“

Gerade in Berlin haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion scharenweise russische Künstler niedergelassen, bzw. solche, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken stammen (u.a. gefeierte wie der Ukrainer Boris Mikhailov). Man munkelt, es gebe hier eine rege russisch/postsowjetische Kunstszene.

Augenzeugen des Desasters

Gefragt waren russische Künstler als Augenzeugen und Dokumentaristen des Desasters, in das das kommunistische Projekt gemündet war. Inzwischen sind die einen und die anderen moderne Nomaden geworden, zuhause in Berlin und Köln, Moskau und Petersburg. Wie es sich lebt im steten Flug zwischen den Städten, führt Genja Chefs „My personal temple“ vor Augen: ein Zelt, an dessen Innenwänden 22 kleine Ölgemälde hängen, Abbildungen alltäglicher Gegenstände, eines Schlüsselbunds etwa, eines Handys, eines Fläschchens, eines Kulturbeutels. Auf das, was der zeitgenössische Mensch braucht, fällt das Licht des Malers so scharf, dass aus banalen Dingen Ikonen werden… weiterlesen

Dem Erhabenen sehr nah, taz

Steine, Menschen und Seen: Die Grönland-Serie der norwegischen Fotografin Mette Tronvoll im Bethanien

Das Szenario ist immer dasselbe: hinter rauhen Bergkämmen ein Streifen Himmel, manchmal von einer mächtigen Wolkendecke überhängt. Ganz nah das Wasser, ölig spiegelnd; dazwischen das goldgelb mit Blumen durchwirkte Land. Ein unabänderliches Szenario, mit einem Hauch von Ewigkeit behaftet. Nur fahle Sonnenstrahlen am Nachmittag, dünne Nebelschwaden morgens oder das bläuliche Licht, wenn das Dunkel in den Tag hinüberbricht, markieren den Zeitablauf und variieren den Bildgrund. Das Sujet aber sind die Menschen, die in der heißen Quelle baden. Die Fotografin hat sie frontal aufgenommen, sie stecken bis an die Schultern im Wasser. Wie alte Büsten etwa… weiterlesen

Die Entdeckung der Schwerkraft, Tagesspiegel

Was, wenn es fiele? Es hängt von der Decke an einer Schnur, aber das Eisen wirkt schwerer, als dass sich eine Kordel seinem Streben nach der Erde widersetzen könnte. „Es ist immer gefährlich, sich mit der Schwerkraft einzulassen“, hat Eduardo Chillida über das Werk gesagt, das er erstmals 1953 im Guggenheim Museum in New York aufhängte. „Desde dentro – Von Innen her“ ist die erste von Chillidas „Gravitationen“, seinen Fehden gegen die Schwerkraft. Jetzt ist sie in Berlin zu sehen… weiterlesen

Ein bisschen Zukunft ist immer, taz

Denken im Dekor: Der britische Künstler Liam Gillick liebt Referenzen an Literatur oder Philosophie und stattet seine Ausstellungen gerne als Plattform für Utopien aus. Jetzt sind seine Arbeiten in der Galerie Schipper und Krome zu sehen

Das Denken über die Zukunft pflegt die Zukunft zu ändern. Diesen von Medienforschern täglich erprobten Grundsatz hat Liam Gillick in Essays und Interviews öfter verlautbart. Denn Gillick ist ein Mensch, der sich über die Zukunft Gedanken macht. Momentan bringt ihn die Zukunft Österreichs besonders ins Grübeln, weshalb er in der Galerie Schipper und Krome eine sauber gerahmte Grafikarbeit mit folgendem Inhalt aufgehängt hat: „Fuck the new austrian government“… weiterlesen

Krieg und Frieden, bezeugt von Agfa, Tagesspiegel

Herr Shouker, als das „PenPal Project“ 1997 startete, schien eine Lösung des palästinensich-israelischen Konflikts zum Greifen nahe.

Shouker: Es war eine Zeit der Euphorie in Israel. Alle fühlten, es gebe eine Chance für den Frieden. Das gab uns Antrieb. Wir wollten den Menschen in Israel und in den palästinensisch verwalteten Gebieten helfen, persönliche Kenntnisse voneinander zu gewinnen. Und zwar andere als die, die von den Medien vermittelt werden. Es liegt in der Natur der Medien, vor allem das Negative zu zeigen: Katastrophen, Morde, Anschläge… weiterlesen

Die Zeit der Städte, Kunst im öffentlichen Raum, Frankfurter Rundschau

Eine Beschreibung einer Reflexion, oder aber eine angenehme Übung zu deren Eigenschaften“ ist ein Titel, unter dem man sich alles hätte vorstellen können – nur nicht den so angekündigten Vortrag Olafur Eliassons, der jetzt die diesjährige Reihe der Berliner Lektionen abschloss. Als wolle er den Titel der Matinee auf die Schippe nehmen, sprach der dänische Kunststar aus Island, dafür bekannt, Kunst mit Physik, Philosophie, Mathematik, Architektur und Neurowissenschaft zu konjugieren, so einleuchtend, kurzweilig und unprätentiös aus dem Stegreif, dass man sich wünschte, an den Universitäten würden nur solche Dozenten zugelassen… weiterlesen

Morbider Gaumenreiz, taz

Von Menschen und anderen Meerschweinen: „.!.!. und ab die Post 2000!“ im Postfuhramt an der Oranienburger Straße zeigt die eher simple Kombination aus Nervenkitzel und Spaß… weiterlesen

Philosophie des Rasenmähens, Tagesspiegel

Mühsam wird er über den Rasen hin und her geschoben, walzt die Wiese platt und dröhnt. So unerträglich laut, dass der Gärtner Schönbrunner Park Ohrenschützer in Wien tragen muss. Die anderen Grünpfleger in Toni Kays sechs Filmen, die er unter dem Titel „Lawnmower“ zusammengefasst hat, scheinen den Lärm gelassener hinzunehmen. Schließlich ging es dem Künstler darum, die Tätigkeit des Rasenmähens als eine Art mönchische Arbeit darzustellen, die aus Fürsorge für die Natur, gleichmütig und ausdauernd, geleistet wird. Denn, so gewaltsam uns auch der Eingriff des Rasenmähers erscheinen mag, fördert das Schneiden des Rasens das Wachstum der Grashalme. Durch das Abschneiden werde die Natur des Rasens „in einer Symbiose von Künstlichkeit in der Natur mit dem natürlichen Tun des Künstlichen geradezu forciert“, schwärmt der Künstler im Erklärungstext… weiterlesen

Spur der Schmetterlinge, Tagesspiegel

Es war ein Falter, nach dem entomologischen Lexikon ein Rotes Ordensband. Mit grauen, schwarz gestriemten Flügeln, die sich kaum abhoben vom Holzboden des Ateliers. Die Malerin sah ihn sich legen auf die Dielen, packte die Kamera aus und fotografierte den Schmetterling. Erst durch die Linse wurde sie der Farbe gewahr, die unter den Flügeln schimmerte, eines prallen Rots. Und dabei erinnerte sich die Künstlerin an einen Karton, den sie vor 35 Jahren aus Pucallpa mitgenommen hatte. Darin lagen andere Schmetterlinge. Konservierte, in Briefumschlägen gehüllte Schmetterlinge. Warum nicht auch sie?… weiterlesen

Zeitreisen im Glitzerlicht, taz

Durchs Weltall mit Marcel Duchamp, Hans Haacke und Lucio Fontana: Die Ausstellung „Camps de Forces“ zeigt in Barcelona einen Parcours zur Geschichte der kinetischen Kunst im 20. Jahrhundert. Das Universum hat keine Löcher, sondern allerlei Motoren, die tausend Farbtupfer blitzen lassen… weiterlesen