Essays

Pest und Corona

Perspective daily, 6.5.2020

Giovanni Boccaccios Decameron entstand, als in Europa der Schwarze Tod wütete. Heute hat das Meisterwerk aus dem Jahr 1352 wieder Konjunktur.

Als ich meine 4 1/2 Kilo schwere Decameron-Ausgabe aus dem Jahr 1909, einen braun gebundenen Wälzer mit gelbweißen, handgeschnittenen Seiten aus dickem Papier, von Rom nach Berlin schleppte, hätte ich mir nicht träumen lassen, jemals eine ähnliche Zeit zu erleben wie jene, in der dieses Meisterwerk von Giovanni Boccaccio entstand.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich eines Tages penibel darauf achten würde, um jeden Menschen, der mir auf der Straße begegnet, einen 2 Meter weiten Bogen zu machen. Dass ich jemals versuchen würde, nur die nötigsten Türklinken und sonst nichts zu berühren, was andere berührt haben könnten. Dass ich alles desinfizieren würde, was ich von draußen mit nach Hause nehme: Verpackungen, Lebensmittel, alles. Oder dass ich mir die Hände so lange waschen würde, bis die Haut so aussieht, als würde sie gleich abfallen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich solche Verhaltensweisen für klare Anzeichen einer schweren Neurose gehalten, und ich wäre mir sicher gewesen, dass eine derartige meiner geselligen Natur immer erspart bleiben würde.