Aureliana Sorrento, JOURNALISTIN

IP Internationale Politik/ Italien

Der dritte Dämpfer

Mangelnde Solidarität der EU in der Corona-Krise hat Italiens Europabegeisterung erneut einen Schlag versetzt. Wie lässt sich das verloren gegangene Vertrauen wiederherstellen?

Als China am 31. Dezember 2019 die Entdeckung eines neuartigen Corona-Virus bekannt machte, wiegten sich die Europäer in Sicherheit. Wuhan? Weit weg! Es schien, als habe man in Europa die Globalisierung missverstanden: Zwischen Asien und Europa hin und her jetten? Ja! Aber Viren – die würden schon zuhause bleiben.

Zu den Ländern, die am stärksten un- ter den Folgen dieser Fehleinschätzung zu leiden hatten, zählt in Europa, neben Spanien, Italien. Warum, darüber ist viel diskutiert und geschrieben worden: der frühe Zeitpunkt der Corona-Ausbreitung, die seinerzeit noch mangelnden diagnostischen Kenntnisse, der dezentrale Charakter des Gesundheitssystems, durch den es möglich ist, dass man in Venetien schon konsequent testet und isoliert, während in der Lombardei nicht einmal enge Angehörige von Infizierten getestet werden. Verheerend wirkten sich vor allem die Einsparungen im Gesundheitssektor während der vergangenen 20 Jahre aus. Öffent- liche Krankenhäuser wurden geschlossen, um Privatkliniken Platz zu machen, mit denen die Regionen Kooperationsverträge abschlossen.

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Perspective Daily/Literatur

Pest und Corona

Giovanni Boccaccios Decameron entstand, als in Europa der Schwarze Tod wütete. Heute hat das Meisterwerk aus dem Jahr 1352 wieder Konjunktur.

Als ich meine 4 1/2 Kilo schwere Decameron-Ausgabe aus dem Jahr 1909, einen braun gebundenen Wälzer mit gelbweißen, handgeschnittenen Seiten aus dickem Papier, von Rom nach Berlin schleppte, hätte ich mir nicht träumen lassen, jemals eine ähnliche Zeit zu erleben wie jene, in der dieses Meisterwerk von Giovanni Boccaccio entstand.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich eines Tages penibel darauf achten würde, um jeden Menschen, der mir auf der Straße begegnet, einen 2 Meter weiten Bogen zu machen. Dass ich jemals versuchen würde, nur die nötigsten Türklinken und sonst nichts zu berühren, was andere berührt haben könnten. Dass ich alles desinfizieren würde, was ich von draußen mit nach Hause nehme: Verpackungen, Lebensmittel, alles. Oder dass ich mir die Hände so lange waschen würde, bis die Haut so aussieht, als würde sie gleich abfallen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich solche Verhaltensweisen für klare Anzeichen einer schweren Neurose gehalten, und ich wäre mir sicher gewesen, dass eine derartige meiner geselligen Natur immer erspart bleiben würde.

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Journalistin, Autorin, Radio-Macherin, Texterin – Aureliana Sorrento wurde an der Meerenge von Messina geboren, studierte in Rom Literaturwissenschaft, in Hannover Journalismus und zog als Dipl.-Kulturjournalistin 1999 nach Berlin. Heute arbeitet sie vor allem als Feature-Autorin für den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ihre Themen findet sie im politischen Alltag, in der Mitte und am Rande der Gesellschaft, im Zeitgeschehen, in Ermittlungsakten und Geschichtsbüchern. Eine Schwäche für die Literatur hat sie aber immer noch.