Riace im Visier der Lega. Ein Integrationsmodell wird abgewickelt


 

Riace war ein Musterbeispiel an Integration. Flüchtlinge brachten neues Leben in das sterbende Dorf an der ionischen Küste Kalabriens. Bis 2018 lebten Einheimische und Migranten friedlich miteinander. Dann kam der Bürgermeister unter Hausarrest, und die Flüchtlinge wurden weggebracht.
In den 1950er-Jahren begannen Riaces Bewohner auf der Suche nach Arbeit auszuwandern. Kurz vor der Jahrtausendwende war der alte Ortskern im hügeligen Hinterland, Riace Borgo, beinah entvölkert. Dann landete ein Schiff voll kurdischer Flüchtlinge an Riaces Strand. Der Linksaktivist Domenico Lucano und eine Gruppe Gleichgesinnter brachten sie nach Absprache mit den emigrierten Eigentümern in den verlassenen Häusern des Dorfes unter.
Lucano ließ sich 2004 zum Bürgermeister wählen und nutzte staatliche Mittel für die Aufnahme von Flüchtlingen, um sie auszubilden, ihnen Arbeit zu geben und um die dazu notwendige Infrastruktur zu errichten. Auch die Einheimischen profitierten davon. Kita und Grundschule wurden wieder eröffnet, Arbeitsplätze geschaffen, die Mikrowirtschaft des Dorfes angekurbelt. Riace wurde ein weltweit gepriesenes Integrationsmodell.
Im Oktober 2018 stellte die Staatsanwaltschaft des benachbarten Locri Domenico Lucano unter Hausarrest – wegen des Verdachts auf Begünstigung illegaler Einwanderung und anderer Delikte. Der rechtsextreme Innenminister Matteo Salvini ließ die in Riace lebenden Asylbewerber in zum Teil weit entfernte Aufnahmelager im ganzen Land bringen. Alle Versuche, das Integrationsprojekt wiederzubeleben scheiterten. Auch in Riace sind Salvinis rechte Anhänger der Lega im Aufwind.
DLF/ WDR 2019

Aureliana Sorrento ist Autorin, Reporterin und Kulturjournalistin. Sie hat für Zeitungen und Zeitschriften Buch-, Theater- und Ausstellungsrezensionen, Glossen, Porträts, Reportagen und politische Kommentare geschrieben, für Kunstkataloge Essays und Künstlerporträts. Seit 1998 arbeitet sie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, derzeit vor allem als Feature-Autorin. Sie ist zu neugierig, um sich auf einem einzigen Feld zu bewegen. Die Themen ihrer Radio-Features findet sie im aktuellen Zeitgeschehen und in Geschichtsbüchern, in Ermittlungsakten, am Rande der Gesellschaft und in Künstlerateliers.

Eine kurze Geschichte des Britischen Parlaments

Schon im Mittelalter beriet eine Versammlung Adliger Englands Könige. Daraus entwickelte sich im 13. Jahrhundert ein Parlament, dessen Macht in späteren Jahrhunderten wuchs. Denn aus Konflikten mit Königen, die am Parlament vorbei regieren wollten – bis hin zu Bürgerkriegen – gingen die Parlamentarier meist siegreich hervor. Nun ist an der Brexit-Frage ein neuer Konflikt zwischen Exekutive und Parlament entflammt. Der könnte dazu führen, dass Großbritannien, wo bisher nur Konventionen das Verhältnis von Institutionen zueinander regeln, eine geschriebene Verfassung erhält. SWR 2019

Denn es ist ganz offenkundig eine Epoche , in der wir nirgends, wo wir uns befinden, fest verankert sind; alles bewegt sich rund um uns her; wir selbst bewegen uns. Ist es nicht die Pflicht des Kritikers, uns mitzuteilen oder wenigstens anzudeuten, wohin wir unterwegs sind? … Virginia Woolf

Das schwarze Gold der Basilikata

Die Basilikata ist eine der ärmsten Regionen Italiens. Doch im Boden des Agri-Tals lagert das größte Erdölvorkommen Kontinentaleuropas. Ölindustrie und Politik versprachen Arbeitsplätze und Wohlstand. Stattdessen kamen Korruption und Umweltkatastrophen. Und die Menschen sterben deutlich früher als anderswo. Das Agri-Tal könnte eine Idylle sein. Eichen, Birken und Ginster säumen die Landstraßen, Obstbäume die Felder und Weinberge. Doch Luft, Böden und Gewässer sind verseucht. Über Jahre versickerten mindestens 400 Tonnen Rohöl aus einem ölverarbeitenden Betrieb in den Boden und den Fluss Agri. Ein Netzwerk aus korrupten Managern und lokalen Beamten sorgte jahrelang dafür, dass Umweltauflagen umgangen wurden. Filteranlagen waren defekt, giftige Schlacken wurden umdeklariert und als harmlose Abfälle billig entsorgt. Die Menschen im Tal leiden unter Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislaufproblemen. Landwirtschaft und Viehzucht, einst die Hauptwirtschaftszweige der Region, mussten vielerorts eingestellt werden. Und die Jugend wandert wieder aus. DLF 2018

VENEDIGS BOOTSKULTUR

Die Geschichte Venedigs war von Anfang an untrennbar mit Booten und Schiffen
verbunden. Für die zahllosen Kanäle der Serenissima und die sie umgebende Lagune entwickelten Venezianer spezielle Typen von Ruderbooten, von denen die Gondel der bekannteste noch gebräuchliche ist. Seit den 60er-Jahren wurden die Ruderfahrzeuge mehr und mehr durch Motorboote ersetzt. Die übernehmen heute die komplizierte Logistik dieser Stadt im Wasser – von der Feuerwehr bis zur Müllabfuhr. Immer weniger Handwerker beherrschen den kunstvollen, traditionellen Bootsbau. Doch der Wellenschlag, den Tausende Motorboote produzieren, greift Fundamente an und droht, die oft Jahrhunderte alten Bauten Venedigs zu zerstören. SWR 2019