Über Bücher

Rezensionen für Print und Radio – eine Auswahl

Ö1 Ex libris, 6.04.2025

Ö1, Kontext 28.03.2025

SWR Kultur, Buchkritik, 15.01.2025

Ö1 Ex libris, 27.10.2024

Ö1 Kontext, 18.10.2024

SRF Kultur, 16.10.2024

Ö1, Ex libris, 06.10.2024

Ö1, Ex Libris 22.09.2024

SWR Kultur Lesenswert Kritik, 06.09.2024

Ö1 Kontext, 31.05.2024

Ö1 Ex libris, 26.05.2024

Ö1, Ex libris, 28.04.2024

Goran Vojnović – 18 Kilometer bis Ljubljana

SWR2 Lesenswert Kritik, 19.10.2023

Wie in seinem Debütroman „Tschefuren raus!“ erzählt da der slowenische Autor vom Leben der Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien in Slowenien, wo sie seit Jahrzehnten leben, aber nie angekommen sind. Ein Buch über Heimat- und Identitätsverlust und die Wut derjenigen, die daran keine Schuld tragen. 

Kurze Sätze, in rasendem Rhythmus parataktisch aneinandergereiht. Ein innerer Monolog, der, mit Kraftausdrücken gespickt, nach Maschinengewehr klingt. Klaus Detlef Olof hat den Stil von Goran Vojnovic kongenial ins Deutsche übertragen. Sein neuer Roman „18 Kilometer bis Ljubljana“ erzählt auch klanglich von Gewalt. Vielleicht deshalb, weil dort einst ungeheure Gewalt stattgefunden hat? Der Roman spielt teils in Slowenien, teils in Bosnien, und der Bürgerkrieg, der vor einem Vierteljahrhundert dort wütete, hat sich dem Raum, den Einzelschicksalen und den Köpfen eingeschrieben. So jedenfalls bei Vojnović.

Ö1 Kontext, 13.10.2023

Verglichen mit den Flussriesen der Welt ist der Tiber ein Zwerg. Nur 100 Meter ist der Fluss in Rom breit; im Durchschnitt transportiert er gerade einmal 200 Kubikmeter Wasser pro  Sekunde. Zum Vergleich: Der Rhein bringt es in Köln auf eine Breite von 350 Metern und  2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Würde er nicht durch Rom mäandern, wäre der Tiber einfach nur der drittlängste Fluss Italiens und ziemlich unbedeutend geblieben.

Das ist dem neuen Buch von Birgit Schönau „Die Geheimnisse des Tibers. Rom und sein ewiger Fluss“ zu entnehmen. Dennoch ist die langjährige Italien-Korrespondentin überzeugt: Ohne den Tiber wäre Rom nie Rom geworden. Aureliana Sorrento hat ihr Buch gelesen. 

Claudia Echinger-Maurach – Michelangelo

Ö1 Kontext, 25.08.2023

„Michelangelo“ – mehr als den Namen braucht ein Buch über das Allroundgenie, das mit Leonardo und Raffael den Olymp der italienischen Renaissance einnimmt, nicht als Titel.

Dem Bildhauer, Maler und Architekten Michelangelo hat die Kunstwissenschaftlerin Claudia Echinger-Maurach, nach ihrem Publikationsverzeichnis zu urteilen, etliche Forschungsjahre gewidmet; nun hat sie aus ihren Kenntnissen für die Reihe C.H.Beck Wissen ein 128 Seiten schmales Bändchen destilliert. Dem Konzept der Reihe folgend soll es einen ersten Eindruck von Leben und Werk des Künstlers vermitteln.

Gradwanderung. Eine klimapolitische Sam

melrezension

IP/ Internationale Politik, 27.02.2023

Die Erderwärmung schreitet voran, und das gefährdet die Lebensgrundlagen nicht nur des Menschen in wachsendem Maß. Vier Neuerscheinungen mit Ideen zur Rettung des Planeten.

Ist nicht eigentlich schon alles gesagt? Beschrieben, beredet, zerredet? Die Frage drängt sich auf, wenn man eines der zahllosen Bücher zum Klimawandel in die Hand nimmt, die gefühlt täglich auf den Markt kommen. Wissen wir nicht längst, dass wir gerade mit Vollgas unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten gegen die Wand fahren?

An der Un- oder Scheintätigkeit der Entscheidungsträger dieser elt hat sich nichts geändert. Genauso wenig wie am Konsumverhalten der meisten Bewohner der nördlichen Hemisphäre.
„Wir denken schlau und handeln blöd“, heißt es in Dirk Steffens „Projekt Zukunft“. Das Buch versammelt zehn Interviews, die der Journalist mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen zum Zustand des Planeten geführt hat. Alle Beteiligten waren dabei offenbar bemüht, Optimismus zu verbreiten…

Zwischen Angst und Achselzucken

Internationale Politik 21

Werden wir künftig alle ausspioniert, überwacht oder gar durch intelligente Maschinen ersetzt? Und, wenn ja: Wie sollen, wie können wir darauf reagieren? Zur Zukunft von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz.

„Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ lautete der Titel eines Buches, das im Oktober 2018 in Deutschland er- schien und ziemlich hohe Wellen schlug. Shoshana Zuboff, Sozi- alwissenschaftlerin, Ökonomin und emeritierte Harvard-Profes- sorin, nahm darin die Digital- konzerne ins Visier. Wie Google, Facebook, Apple, Microsoft und Amazon private Daten sammeln und nutzen, um das Verhalten der Menschen vorherzusagen und zu manipulieren, wie sie daraus Profit schlagen und das Internet zum Ort totaler Kontrolle ausbauen – all das nannte Zuboff „Überwachungskapitalismus“.

Keine Diskussion, bitte!

SWR2 LiteraturEn, 29.11.2016

Anmoderation

Am 2. Juni dieses Jahres jährte sich das Referendum, in dem die Italiener sich für die Staatsform der Republik entschieden, zum siebzigsten Mal. Die Volksabstimmung, an der zum ersten Mal auch die Italienerinnen teilnahmen, markierte die Gründung der demokratischen Republik Italien. In der gleichen Abstimmung wählten die Italiener ihre Vertreter in der Versammlung, die dem neuen Staat eine Verfassung geben sollte. Diese tagte ab Juni 1946 bis Dezember 1947. Die neue Verfassung trat am ersten Januar 1948 in Kraft.

Man könnte meinen, bei so gewichtigen Anlässen würden die Schaufenster der italienischen Buchhandlungen nur so platzen von Büchern über die Gründung der Republik, ihre Verfassung, und wie es zu beiden kam; dass sich die Kulturseiten der Zeitungen in Rezensionen derselbigen Bücher überschlagen müssten. Aber in Italien ticken die Uhren anders, sagt Aureliana Sorrento.

Beitrag

Beide Jahrestage wären Anlässe nicht nur zum Feiern, sondern zur Selbstreflexion des Landes. Denn die Frauen und Männer, die zwischen Juni 1946 und Dezember 1947 an der Verfassung der neuen Republik schrieben, hatten den Faschismus hinter sich. Deshalb nahmen sie sich einen Verfassungstext vor, der das erneute Aufkommen einer Diktatur verhindern würde. Viele von ihnen hatten in der Resistenza gekämpft, dem Widerstandskampf gegen heimische Faschisten und deutsche Besatzer. Für sie war die demokratische Verfassung ein Lebensziel.

Italien war bis 1943 Hitlers Bündnispartner gewesen. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien im Juli 1943, dem Sturz Mussolinis, seiner Verhaftung und dem Waffenstillstand, den König Vittorio Emanuele III. mit den Alliierten abschloss, besetzten deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien. Sie befreiten den Duce und installierten ihn an die Spitze einer Marionettenrepublik mit Sitz in Salò am Gardasee. Da schlug die Stunde der Antifaschisten. Aus dem Exil zurück oder aus den faschistischen Gefängnissen freigekommen, schlossen sich die Anführer der antifaschistischen Parteien in einem Nationalen Befreiungskomitee zusammen und organisierten den Widerstand gegen Besatzer und Kollaborateure. Den 200.000 Frauen und Männern, die in der Resistenza kämpften, gelang es, Ende April 1945 Genua, Turin und Mailand aus eigener Kraft zu befreien. Dafür wurde aber ein hoher Blutzoll gezahlt. Faschisten und deutsche Soldaten folterten und töteten jeden Widerstandskämpfer, den sie gefangen nahmen; als Vergeltungsmaßnahme verübten sie Massaker an der Bevölkerung.

In der verfassunggebenden Versammlung saßen Vertreter aller Parteien des Nationalen Befreiungskomitees: Kommunisten, Sozialisten, Sozialliberale, Christdemokraten und Liberale. Das Resultat ihrer Zusammenarbeit war die progressivste Verfassung Europas. Sie sieht eine strikte Trennung der Gewalten und das Primat des Parlaments über die Exekutive vor und erkennt den Bürgern sowohl liberale als auch soziale Rechte zu.

Diese Verfassung sollte man verwirklichen, statt sie zu zerstören, schreibt Salvatore Settis in seinem bei Einaudi erschienenen Pamphlet „Verfassung! Warum man sie nicht ändern, sondern umsetzen muss“. Denn die italienische Regierungen nach 1948 haben sich einen Kehricht um die verfassungsmässigen Bürgerrechte geschert. Nun will Premier Matteo Renzi die Verfassung ändern. Im Dezember müssen die Italiener über seine vom Parlament schon bewilligte Verfassungsreform in einem Referendum entscheiden. Verfassungsrechtler und Intellektuelle sind in großer Mehrheit gegen die Reform – bis auf den Philosophen Massimo Cacciari. Der meint, die Reform sei Mist, würde aber wenigstens etwas ändern.

Der Kunstwissenschaftler und Jurist Salvatore Settis hat Renzis Verfassungsreform auseinandergenommen. In Kombination mit dem neuen Wahlgesetz würde sie einer einzigen Partei, also dem von ihr gestellten Regierungschef eine quasi absolute Macht verleihen und das Parlament entmachten, erklärt er.

Derselben Meinung sind die Veteranen der Resistenza. Der Partisanen-Verband Anpi läuft gegen die Reform Sturm. Die Änderungen widersprächen dem Geist der Verfassung, für welche sie gekämpft hätten, protestieren sie. Sie öffneten einer autoritärer Umgestaltung des Staates Tür und Tor. Maria Elena Boschi, Renzis „Ministerin für Reformen“, konterte: „Ein wahrer Partisan ist für die Verfassungsreform“.

Ist solche ministeriale Ignoranz vielleicht dem Umstand geschuldet, dass Italien mit dem Faschismus und seinen Verbrechen nie abgerechnet hat? Zuletzt haben kleine und große italienische Verlage etliche Bücher über Faschismus, Resistenza und Republikgründung veröffentlicht. Aber in den Zeitungen ist hie und da höchstens eine Rezension erschienen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Thematik ist in den tonangebenden Medien ausgeblieben. Die Gründe für das beharrliche Schweigen lassen einige der Bücher erahnen, die gerade erschienen sind.

Max Salvadori schrieb seine Kurzgeschichte der Resistenza unmittelbar nach dem Krieg. Der Band, zum ersten Mal 1955 veröffentlicht, wurde vom Neri Pozza Verlag heuer neu aufgelegt. Britischer Offizier italienischer Abstammung, war Max Salvadori der hauptsächliche Verbindungsmann zwischen den Alliierten und der Resistenza. Er erlebte die Befreiung Italiens Seite an Seite mit den Partisanen. In seiner Kurzgeschichte macht er unumwunden klar, dass die Resistenza kein Befreiungskrieg eines ganzen Volkes, sondern ein Bürgerkrieg zwischen Faschisten und Antifaschisten gewesen sei. Die Partisanen, deren Generosität und moralische Größe er in den höchsten Tönen preist, seien eine edle Minderheit gewesen. Die Mehrheit der italienischen Bevölkerung war hingegen Mussolini bei jeder Schandtat gefolgt – nicht aus Glauben in die faschistische Ideologie, sondern aus Opportunismus. Ebenfalls aus Opportunismus hätten die Krone, die Oligarchie und der Klerus den Faschismus unterstützt. Nach dem Krieg musste Salvadori mit Bedauern feststellen, dass letztere zwei Mitläufer die Macht wieder an sich gerissen hatten. 1974, im Vorwort zur zweiten Ausgabe der Kurzgeschichte der Resistenza, schrieb er:

Zitat

Die Widerstandskämpfer der Jahre 1943-1945 waren zu wenige, um den Rest der Nation mitzureißen. Bei allen Unterschieden zwischen den Regionen und den sozialen Schichten herrschen jene vor, die keinen Sinn für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit haben; denen Autoritarismus, Hierarchie, private und öffentliche Korruption genehm sind. Denn Korruption erlaubt es den Untertanen, sich selbst im despotischsten System gemütlich einzurichten. Sehr verbreitet sind immer noch die Arroganz der Höhergestellten, die Unterwürfigkeit der Tiefergestellten und die Heuchelei der einen und der anderen.

Autorin

Zeilen, die die italienische Gesellschaft heute noch am Besten beschreiben. Aktuellere Bücher, etwa Filippo Focardis „Der böse Deutsche und der gute Italiener“ und Cecilia Nubolas „Faschistinnen von Salò. Eine juristische Geschichte“ gehen der Nicht-Aufarbeitung des Faschismus auf den Grund. Nubola zeigt, dass nach dem Krieg kaum ein Faschist oder eine Faschistin für Kriegsverbrechen büßen musste: Dank einer Reihe von Amnestien kamen fast alle Verurteilten nach wenigen Monaten frei. Focardi erklärt, warum ausgerechnet antifaschistische Regierungen solche Amnestiegesetze erliessen. Zum einen, um „das Land zu versöhnen“, wie sie sagten. Aber vor allem wollten sie vermeiden, dass Italien allzu harte Friedensbedingungen aufgezwungen wurden. Zu diesem Zweck wurde der Mythos der Resistenza als patriotischer Befreiungskrieg kreiert: Man tat so, als hätten nicht 200.000 demokratisch gesinnte Partisanen, sondern alle Italiener nach 1943 gegen die Nazifaschisten gekämpft – und damit bewiesen, dass sie keine willigen Mitläufer, sondern Opfer des Faschismus gewesen waren. Zum gleichen Zweck wurde das Klischee des „bösen Deutschen“ aus der Taufe gehoben: Der ideologietrunkene und blind gehorchende deutsche Soldat sollte als Konterpart des „guten Italienischen Soldaten“ dienen, der auch im Krieg seine Menschlichkeit bewahrt hätte. In der Tat hatten italienische Offiziere in Jugoslawien Juden und Serben vor Deutschen und Ustascha gerettet. Aber auch die italienische Armee hatte in Afrika, Jugoslawien und Griechenland Kriegsverbrechen begangen. Sie wurden unter den Teppich gekehrt, die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen.

Focardi schließt seine Abhandlung mit der Aufforderung ab, Italien möge sich endlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Aber es hat nicht den Anschein, als wäre die italienische Gesellschaft dazu bereit. Denn bis heute gibt es in den Medien gerade zu den Jubiläen keine öffentliche Diskussion darüber.

„Die Intelligenz der Pflanzen“. Schlaues Grünzeug

Deutschlandfunk 2016

Evolutionstechnisch sind Pflanzen die erfolgreichsten Lebewesen. Sie könnten auch ohne Menschen leben, wir aber nicht ohne sie. Wenn der Mensch aussterben würde – Pflanzen hätten den Lebensraum in ein paar Jahren zurückerobert. Solche simplen, doch bedenkenswerten Fakten offenbart das Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ des Biologen Stefano Mancuso und der Journalistin Alessandra Viola….

„Kleines Meerstück und Romàns“ von Pier Paolo Pasolini, Deutschlandfunk 07.01.2016




Geschichte aller Bergarbeiter- Familien Lothringens

Deutschlandfunk 2014

Anfangs ist dieses Buch verwirrend. Die Geschichte entwickelt sich in kurzen Kapiteln, durch Zeitsprünge und Perspektivenwechsel. Filippettis Prosa scheint fernen Stimmen nachzujagen, die durch jene einer allwissenden Erzählerin widerhallen. Gedächtnissplitter werden da aneinandergelegt. Schwer auszumachen, wem die Erinnerungen gehören, aus wessen Blickpunkt das Geschehen gerade erzählt wird. Kennt man die Eckdaten von Filippettis Biografie, erkennt man in manchen Figuren Familienmitglieder der Autorin. Aber selten werden sie mit ihren Namen genannt, und wenn, dann nur mit den Vornamen. Meist bezeichnet die Autorin ihre Figuren einfach mit Pronomen: „Er“, „Sie“; häufig ist es von einem unbestimmten „Sie“ die Rede – Plural…

Der Aufstand“ von Franco Berardi. „Demokratie als solche spielt keine Rolle mehr“

Deutschlandfunk 2015

Der Finanzkapitalismus hat endgültig gesiegt und eine Finanzdiktatur errichtet, deren Zerstörungskraft an die von Kriegen heranreicht. So lautete bereits 2011 der niederschmetternde Befund von Franco Berardi in seinem Essay „Der Aufstand“. Zu den Schuldigen an dieser Entwicklung zählt der italienische Philosoph auch das Internet.

Franco Berardi: „Was ist denn der Finanzkapitalismus? Wertakkumulation ohne Produktion. Eine Geldvermehrung, die allein durch Geldzirkulation zustande kommt, ohne dass das Geld über den Umweg der Realwirtschaft und der Produktion geleitet werden müsste.“

Profite werden nicht mehr durch die Herstellung von Gebrauchsgütern generiert, sondern einfach durch Geldwert, der sich selbst reproduziert. In die Sprache der Semiotik übersetzt heißt das, dass sich der monetäre Signifikant seiner Funktion der Referenz auf reale Dinge entledigt hat.

Darin sieht Berardi den Höhepunkt eines Abstraktionsprozesses, der im 20. Jahrhundert gelaufen ist und alle Lebensbereiche erfasst hat. Dessen Keimzelle macht er interessanterweise nicht etwa in der Sphäre der Ökonomie aus, sondern in jener der Poesie: im französischen und russischen Symbolismus.

 

Roman „Schwarze Seelen“. Irritierende Mythisierung archaischer Traditionen

Deutschlandfunk 2016

Die abgelegenen Bergregionen Kalabriens bilden die Kulisse für Gioacchino Criacos Roman „Schwarze Seelen“. Dort beginnt die Verbrecherkarriere von drei Jugendlichen. Criacos gibt dabei einen Einblick in eine fremde, archaische Welt. Seltsam mutet dabei nur an, dass die in Kalabrien herrschende Verbrecherorganisation ‚Ndrangheta in einem seltsam milden Licht erscheint.

Alltag im Kirchenstaat: Die kleine Welt des Vatikan. Ein Buch von Aldo Maria Valli

Deutschlandfunk 2015

Der katholische Kirchenstaat funktioniert nach ganz eigenen Regeln. Wer nicht gerade Vatikan-Korrespondent ist, dem bleibt dieser Kosmos verborgen. Einer dieser Berichterstatter, Aldo Maria Valli, hat seine Einblicke in die Beziehungsgeflechte und den Alltag der Kirchenoberhäupter aufgeschrieben. Jetzt ist sein Buch ins Deutsche übersetzt worden.

„In dieses Buch sind meine Erfahrungen aus vielen Jahren eingeflossen. Ich mache diesen Job schon lange, seit 1995. Über all die Jahre habe ich Leute kennengelernt und viele Orte gesehen, die dem Publikum unzugänglich sind. Das geschah immer zu beruflichen Anlässen. Der Vatikan ist eine extrem geschlossene Welt, die Schwierigkeiten hat mit der Außenwelt zu kommunizieren. Vor allem über ihre umstrittenen Seiten.“

Aldo Maria Valli, Vatikan-Korrespondent des italienischen Staatsfernsehens, hatte sich allerdings kein Buch über die „umstrittenen Seiten“ des Vatikan vorgenommen. Kein Enthüllungsbuch über die kirchlichen Finanzen à la „Vatikan AG“ von Gianluigi Nuzzi. Kein Skandalbuch über die ungeklärten Todes- und Entführungsfälle, die sich in der Vatikanstadt ereignet haben. Den „Schattenseiten des Vatikan“ hat er ein Kapitel gewidmet, aber sie stehen nicht im Zentrum seines Buches „Die kleine Welt des Vatikan“. Der Band ist vielmehr ein Vademecum des Alltags im Staat der Päpste…

Wahnsinn ist schuldlos

Deutschlandfunk 2013

Der Roman von Ugo Riccarelli erzählt das Erwachsenwerden des Pflegers Beniamino: In einer Irrenanstalt in den Jahren unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Krieges in einer toskanischen Kleinstadt.

Jedes Mal, wenn ein Vogelschwarm am Himmel auffliegt, fixiert Fosco die Vögel und schwirrt, ihre Bewegungen nachahmend, mit ausgebreiteten Armen durch den Hof. Der Professor Cavani trägt ständig Homers Verse vor, während Giovanni in die Irrenanstalt eingesperrt wurde, weil er so inbrünstig an Gott glaubt, dass er dauernd mit ihm Gespräche führt. Irre bewohnen die „Residenz des Doktor Rattazzi“ und sie weisen alle ein besonderes Merkmal, ein charakteristisches Verhalten auf, das bei jedem ihrer Auftritte erwähnt wird, wie die Epitheta, die besonderen Attribute, die den Göttern und Helden in Homers Epen beigegeben sind. In der Tat scheinen Riccarellis Verrückte in ihrer Fantasiewelt von den anderen Erdbewohnern ebenso weit entfernt wie die Götter im Olymp. Vielleicht geht deshalb eine unheimliche Faszination von ihnen aus. Der Pfleger Beniamino spürte sie schon als Kind, als er durch die Lücke in der Mauer, die die Irrenanstalt vom Garten seines Elternhauses trennte, das enthemmte Treiben dieser Menschen im Hof beobachtete.

Ein Aufeinanderprallen plumper Körper, eine Kakophonie aus Tönen, die gleichwohl in ihrem aberwitzigen Zusammenklang ihre eigene Vernunft und eine Art Würde zu besitzen schien. Fast eine Art Schönheit.

Gewaltige Ohrfeige von der Angebeteten. „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ von Christian Frascella

Deutschlandfunk 2012

Aus der Ich-Perspektive schildert Autor Christian Frascella das Leben eines nicht gerade in glücklichen Umständen heranwachsenden Vorstadtitalieners. Realistisch ist Frascellas Erstlingswerk, nicht zuletzt durch eine direkte, rotzige Spreche, die bisweilen an den derben Jargon von Gassenjungen erinnert.

Wie lebt es sich als Teenager an der Peripherie einer italienischen Industriestadt? Wo es weder ein Kino noch ein Theater gibt und auch keinen richtigen Treffpunkt für Jugendliche? Nur einen kleinen Platz, an dem Jungs Joints rollen und Dosenbier kippen.

Die Szenerie, in der Christian Frascella seinen Debütroman „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ angesiedelt hat, ist ein Paradebeispiel für die Trostlosigkeit italienischer Vorstädte – nicht gerade Orte, die die beste Vorbedingungen für ein glückliches Heranwachsen bieten. Da passt die Kraftmeierei des 16-jährigen Protagonisten und Ich-Erzählers des Romans bestens ins Bild. Kein Zufall, dass wir ihn gleich zu Beginn in einer Schlägerei auf dem Schulhof verwickelt sehen. Wie auch, dass er wegen des Streits von der Schule suspendiert wird und beschließt, sie ganz abzubrechen. Denn welche Aussicht

Monolog eines Irren. Ascanio Celestini: „Schwarzes Schaf“

Deutschlandfunk 2012

Ascanio Celestini ist in Italien ein Star. Schauspieler, Theater- und Filmautor, wird er oft mit Dario Fo verglichen. Sicherlich wandelt das junge Multitalent auf den Fußstapfen des großen Komikers, der oft auch auf Historisches Bezug nimmt. Nun also: der Monolog eines Irren.

„Du bist der faule Apfel, dich kann man auf den Müll schmeißen. Du bist das schwarze Schaf, dir ist nicht zu helfen.“

So sagte die Lehrerin Nicola, und der Beschimpfung ist der Titel von Ascanio Celestinis Roman „Schwarzes Schaf. Nachruf auf die elektrische Irrenanstalt“ entliehen: der Monolog eines Irren, der sich zum Toten erklärt, um dem Leser sein früheres Leben zu erzählen – aus der Ferne, die den Toten eigen ist, und freilich auch den Verrückten gebührt.

„Ich bin dieses Jahr gestorben. Alle wollten dieses Jahr sterben. Wer bis heute gelebt hat, hat alles gesehen, was man sehen konnte. Er hat Hunde im Weltall gesehen, Menschen auf dem Mond und einen Roboter mit Rädern auf dem Mars. Er hat New York, London und Madrid in die Luft fliegen sehen, und nicht mehr nur Kabul und Bagdad. Er hat das Kinderüberraschungsei gesehen, das aus jedem Tag des Jahres ein ewiges Ostern macht.

Die Münze von Akragas, ein Buch von Andrea Camilleri

WDR 3, Passagen 2012

Autorin

Nicht um große Kapitale, um eine kleine Münze dreht sich hier alles. Sie ist nur 1,78 Gramm schwer, allerdings aus Gold und ganz hübsch verziert: Die eine Seite zeigt einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln und einen Hasen, die andere einen Krebs und einen Fisch. Auch hat das Goldstück eine tausendjährige Geschichte hinter sich, das seinen Wert ins Unermessliche steigert. Es wurde im Jahre 406 vor Christi Geburt im sizilianischen Akragas geprägt, um den Soldaten, die die Stadt verteidigten, ihren Sold zu zahlen. Akragas, das heutige Agrigent, wurde jedoch kurz darauf von den Karthagern vernichtet; die Eroberer metzelten 1500 Söldner nieder. Nur einer soll – zumindest in Camilleris Version der Geschichte – dem Massaker entkommen sein: Kalebas, dem es gelang, sich aus einem Leichenberg hinaus zu winden und in die unterirdischen Kanäle zu schleichen, die außerhalb der Stadtmauern führten. Als er aber mit dem linken Fuß aus dem Stollen ins Freie trat, wurde er von einer Viper gebissen und stürzte, nach drei Tagen Todeskampf, vom Felsvorsprung, an dem sich der Ausgang des Schachts befand. Aber davor schleuderte Kalebas die 38 Münzen seines Solds, die er in einem Säckchen trug, weit von sich.

So die Vorgeschichte der „Münze von Akragas“, die Andrea Camilleri im ersten, „Quasi eine Prämisse“ überschriebenen Kapitel seiner Erzählung darlegt. Und schon schwant es dem Leser: Ein Fluch liegt auf der Münze.

Die folgenden Kapitel bestätigen diese Annahme. 2315 Jahre liegt die Münze in der Erde. Als ein Landarbeiter sie aus einer Scholle ausgräbt, richtet die Münze Unheil an. Zumindest solange, bis sie Italiens König Vittorio Emanuele III. übergeben wird.

Ein Lustspiel, oder eine etwas ulkige Parabel auf die zerstörerische Macht des Finanzwesens? Die Frage ist nicht restlos zu beantworten. Denn Andrea Camilleri ist ein hintersinniger Autor, der sich ungern in die Karten schauen lässt. Dem anklagenden Fingerzeig zieht er die heitere Ironie vor, und Realitätsbezüge, ob auf die Gegenwart oder die Historie, versetzt er, augenzwinkernd freilich, in die Dunstzonen der Legende. So heißt sein Agrigent, hier wie in all seinen Werken, Girgenti, und wie Kommissar Montalbano aus Camilleris beliebter Krimi-Serie lebt die Hauptfigur von „Die Münze von Akragas“ in der fiktiven sizilianischen Kleinstadt Vigata. Dieser Doktor Stefano Gibilaro, Amtsarzt von Vigata teilt mit dem Kommissar nicht nur Wohnsitz und Alter – er ist nämlich gerade fünfzig geworden – sondern auch die altersgemäßen Schwächen:

Zitat

Er macht das Badezimmerfenster weit auf. Die Nacht ist sternenklar, aber kalt. Er betrachtet sich im Spiegel. Und erliegt vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben einem Anflug von Eitelkeit. Na ja, für einen Fünfzigjährigen sieht er gar nicht übel aus. Im Gegenteil. Er könnte sich gut und gerne ein paar Jährchen abziehen. Und als tüchtiger Arzt weiß er, dass seine inneren Organe alle noch in Ordnung sind, ganz ohne Zipperlein. Er stutzt sich mit der kleinen Schere ein wenig den Schnurrbart.

Autorin

Eine ehrliche Haut ist der Amtsarzt, und ein Musterbild des Pflichtgefühls. Die armen Landarbeiter, die wie Leibeigene für einen Hungerlohn auf den Feldern der Barone schuften, behandelt er gratis. Diesem Doktor, der auch ein leidenschaftlicher Numismatiker ist, gönnt der Leser gerne die rare Goldmünze. Der Landarbeiter Cosimo Cammarota, der sie im Boden gefunden hat, will sie ihm aus Dankbarkeit schenken. Doch bevor der Arzt in den Besitz der Münze kommt, wird Cammarota ermordet.

Es entspinnt sich ein Krimi, dessen Volten Andrea Camilleri mit dem ihm eigenen Humor erzählt. Der gescheite Arzt klärt den Mord sehr schnell auf, wenigstens für sich. Die eigentlichen Ermittlungen muss er aber den zuständigen Beamten überlassen und hat seine Liebe Mühe, sie auf die richtige Spur zu lenken. Abermals lässt sich Camilleri die Gelegenheit nicht entgehen, die Unbedarftheit von Gesetzeshütern und Bürokraten ironisch aufs Korn zu nehmen. Einmal führen die Polizisten einen geisteskranken und eines Mordes augenscheinlich unfähigen Jungen ab, ein andermal hindert sie der gellende Schrei einer Bäuerin im letzten Moment daran, ihre Haustür einzustoßen, um ihren längst verstorbenen Gatten zu verhaften. Und wenn sie endlich dem wahren Mörder auf der Spur sind, finden sie an seiner Stelle den verschreckten Liebhaber seiner Frau. Vorfälle, die Doktor Gibilaro auf seltsame Gedanken bringen:

Zitat

Mit alledem drückt die Münze ihren Wunsch aus, nicht wieder in der Welt zu erscheinen, sondern in jene Erde zurückzukehren, aus der man sie eines Tages geholt hat. Jedenfalls will sie niemals, aus keinem einzigen Grund, in seiner armseligen Sammlung enden. Es ist, als weigerte sich eine Kaiserin zu Recht, in einem elenden Loch zu hausen.

Autorin

Nachdem Mörder und Münze endlich gefunden worden sind, treten juristische Komplikationen auf. Wem gebührt die kostbare Münze, nachdem deren Entdecker gestorben ist? Mehrere melden Anspruch darauf. Schließlich löst eine mit allen Registern der Überzeugungskunst geführte Pressekampagne den Fall zugunsten des Doktors Gibilaro: eine wunderbare Satire über die Manipulationsmethoden der Medien, wie sie der Autor im heutigen Italien kennt. Dass dann die Münze von Akragas erst einmal Gibilaro zufällt, dass der edelmütige Amtsarzt  sie dann dem König schenkt, welcher sich mit Ehrungen und Wohltaten bedankt, kommt als Happy End nach der Formel erbaulicher Fabeln daher. Zwischen den Zeilen lässt sich aber auch ein Doppelsinn lesen: Geld muss stets im Kreislauf bleiben – um schließlich immer in Taschen zu landen, die bereits voll sind.