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Eine AuswahI

Italien/ Wie der Duce Italien heute prägt

Mit den Fratelli d’Italia, den „Brüdern Italiens“, unter Giorgia Meloni regiert seit 2022 eine postfaschistische Partei mit in Italien. Die Fratelli sind der direkte Abkömmling der Bewegung, die nach Mussolinis Tod das Erbe seines faschistischen Regimes bewahren und fortführen wollte. 

Als Ministerpräsidentin ist es Meloni international gelungen, Sorgen über ihre faschistischen Einstellungen zu zerstreuen. In Italien aber schränkt ihre Regierung schrittweise Bürgerrechte ein. Sie will Italien in ein Präsidialsystem umzubauen.

SWR Wissen 2025

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Geschichte/ Benito Mussolini. Aufstieg und Fall des Duce

Benito Mussolini ist als Gründer des Faschismus in die Geschichte eingegangen. Er diente Hitler und anderen Diktatoren als Vorbild. Sein Aufstieg zum Duce der Italiener verdankte er seiner politischen Wendigkeit – vom Sozialisten zum Vertreter elitärer Interessen. 

Auf parlamentarischem Wege zur Macht gelangt, verwandelte Mussolini den Parlamentarismus in eine Diktatur und fand dafür Anerkennung in ganz Europa. Erst der Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg an der Seite der Nazis brachte ihn zu Fall. Am 28. April 1945 wurde der Diktator von antifaschistischen Partisanen hingerichtet.

SWR Wissen 2025

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Österreich/ Spionage in Wien. Wie Österreich zum Drehkreuz der Geheimdienste wurde

Ein Verfassungsschützer, der Smartphones hochrangiger Beamter an russische Spione verkauft: kein untypischer Fall. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Österreich ein Tummelplatz der Geheimdienste – und nicht nur russischer. 

Die geografische Lage zwischen Ost und West, die Neutralität, die Präsenz vieler internationaler Organisationen und Konzerne und nicht zuletzt Österreichs Gesetze boten und bieten Geheimdiensten aller Länder ideale Bedingungen für ihre Aktivitäten.

SWR Wissen 2024

Audiofile und Skript

Österreich/ Sozialer Wohnungsbau in Wien – Erfolgreich gegen Mietwucher

Seit hundert Jahren erfreuen sich die Wiener über ein System des sozialen Wohnungsbaus, das in Europa einmalig ist. Es geht zurück auf die erste sozialdemokratische Stadtregierung. Ab 1923 ließ das „Rote Wien“ tausende Arbeiterwohnungen bauen, mitten in der Stadt und zu sehr niedrigen Mieten. Die sozialdemokratischen Stadtregierungen der Nachkriegszeit knüpften an diese Tradition an, die bis heute gepflegt wird und dazu führt, dass trotz Bevölkerungszuwachses kein Wohnungsmangel entsteht. 

SWR2 Wissen 2023

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Italien/ Mussolinis Erben – Italiens Rechten greifen nach den Macht

Am 25. September 2022 ist aus den italienischen Parlamentswahlen ein rechtes Bündnis mit der Partei Fratelli d’Italia an der Spitze als Sieger hervorgegangen. So hatten es auch alle Prognosen vorausgesagt. Aber wer sind die Fratelli d’Italia, die „Brüder Italiens„? Welches Italien schwebt ihnen vor? Eine Erkundung im Italien des Sommers 2022.

SWR2 Wissen 2022

Audiofile und Skript

Italien/ Marmorindustrie in Carrara –Wohlstand und Umweltschaden

Carrara, eine Stadt mit 60.000 Einwohnern im Nordwesten der Toskana, ist für seinen strahlend weißen Marmor bekannt. Jahrhundertelang bescherten Abbau und Verarbeitung der Region Wohlstand. Trotz zunehmender globaler Konkurrenz ist die Marmorindustrie noch heute der wichtigste Wirtschaftszweig in Carrara. Der Versuch der Stadtregierung, die Zerstörung der Apuanischen Alpen durch den Marmorabbau einzuschränken, ist ein Balanceakt zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichen Zwängen.

SWR2 Wissen 2022

Audiofile und Skript

Umwelt/ Circular Economy – Die Wirtschaft der Zukunft?

Durch zirkuläres Wirtschaften, das die Reststoffe in die Wertschöpfungskette zurückführt, könne sowohl die Umweltverschmutzung durch Müll gestoppt, als auch der Ressourcenverbrauch reduziert werden, meinten die Vordenker der Circular economy, zu Deutsch: Kreislaufwirtschaft. 

Erst dadurch könnten unsere dringendsten Probleme gelöst werden, meinen die heutigen Anhänger der Kreislaufwirtschaft, vom Ressourcenmangel bis zum Klimawandel.

WDR5 2022

Audiofile und Skript

Kunst/ Hinter den Türen der Villa.Deutsche Kunstörderung im Ausland

Die Villa Massimo in Rom ist ein Ort, dessen Name besonders in den Ohren deutscher Kunstschaffender verheißungsvoll klingt. Seit über 100 Jahren werden sie hierher eingeladen, um in idyllischer Atmosphäre ihrer Arbeit nachzugehen. Aber was genau verbirgt sich hinter den Mauern des Anwesens?

Deutschlandfunk 2022

Audiofile und Skript

Wirtschaft/ „Berge abtragen“– Abbau von Carrara-Marmor

Carrara – der Name weckt Bilder von weiß glänzenden Statuen und blanken Marmorfliesen. Die berühmtesten Bildhauer der Welt von Michelangelo bis Canova verwendeten den Marmor. Heute ist die Stadt Carrara zerrissen zwischen Naturschutz und Wirtschaftsinteressen.

WDR 2021

Audiofile und Skript

Kulturerbe/ Vom Ausstellungsort zum Forschungscampus – die vergessenen Museen

Große graue Schränke stehen in den Hallen des Museumskomplex Berlin-Dahlem. Sie bergen die Objekte der ethnologischen Sammlungen, die bis vor kurzem hier gezeigt wurden und nun auf den Transfer ins Humboldt Forum in Berlin Mitte warten. Aber was passiert mit den ehemaligen Musemsräumen? Eine Erkundung.

Deutschlandfunk 2021

Audiofile und Skript

Kunst/ Die Kunst gehört nicht dem Künstler. Innenansichten – der Medienkünstler Costantino Ciervo

Diesmal nimmt uns der aus Neapel stammende Künstler Costantino Ciervo mit auf eine Erkundungstour durch seine Wahlheimat Berlin. Von seinem Wohnatelier im Prenzlauer Berg, geht es nach Kreuzberg, zu Ciervos alter Galerie in Charlottenburg und zu einer Ausstellungseröffnung des deutschen Künstlerbundes.

Deutschlandfunk 2021

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Geschichte/ 100 Jahre Großberlin – Berlin: Die Metropole, die kein Zentrum hat

Vor genau 100 Jahren ist Berlin per Gesetz zu der Stadt geworden, wie wir sie heute kennen. Eine Einheit ist sie nicht.

SRF 2020

Audiofile und Webtext

Geschichte/ Berlin – Geschichte einer Metropole

Berlin ist international für seine aufregende Party-Szene bekannt – und auch, weil sein Stadtbild so bunt und die Stadtviertel so verschieden sind. 

Die deutsche Hauptstadt ist eine Großstadt ohne wirkliches Zentrum. Erst vor 100 Jahren, am 1. Oktober 1920, entstand per Gesetz die Stadt in den heutigen Ausmaßen. Bevor die Goldenen 1920er-Jahre das Bild einer wilden Metropole prägten, war Berlin ein unübersichtliches Gebilde aus etlichen Kleinstädten, Landgemeinden und Gutsbezirken. Das Projekt Groß-Berlin sollte sie vereinen. Eine komplizierte Angelegenheit und politisch heikel.

SWR2 Wissen 2020

Audiofile und Skript

Geschichte/ Italien und Libyen – Erbe der Kolonialzeit

Die Beziehung zwischen Italien und Libyen ist traditionell eng. Auch im libyschen Bürgerkrieg, bei dem immer mehr Großmächte mitmischen, versucht Italien eine besondere Vermittlerrolle einzunehmen. Das hat mit der geografischen Nähe der beiden Länder zu tun – nur knapp 290 Kilometer Mittelmeer trennen sie an der engsten Stelle – aber auch mit Italiens Kolonialgeschichte.

SWR2 Wissen 2020

Audiofile und Skript

Großbritannien/Eine Kurze Geschichte des Britischen Parlaments

Regierung und Opposition sitzen sich auf Holzbänken gegenüber, der Speaker ruft immer wieder „Order!“ – das britische Unterhaus hat merkwürdige Sitten und eine fast tausendjährige Geschichte. Aus mittelalterlichen Königsräten wurde die „Mutter aller Parlamente“: Die Magna Carta beschränkte 1215 erstmals die Macht der Krone, das Parlament Simon de Montforts von 1265 gilt als Geburtsstunde der Volksvertretung.

Der Machtkampf zwischen Krone und Parlament zieht sich durch die Jahrhunderte: Charles I. versucht, ohne Zustimmung des Parlaments zu regieren und Steuern zu erheben, was 1642 zum Bürgerkrieg führt. 1649 wird er als erster und einziger englischer König vor Gericht gestellt und hingerichtet, kurzzeitig wird England zur Republik unter Cromwell. Mit der Restauration der Monarchie 1660 muss fortan jeder König mit dem Parlament zusammenarbeiten. Die „Glorreiche Revolution“ von 1688 besiegelt diese neue Ordnung endgültig: Das Parlament verdrängt James II. und bietet William III. und Mary II. die Krone förmlich an – die Monarchie existiert seither nur noch mit Zustimmung des Parlaments.

Bis heute wirkt dieser Machtkampf nach: 2019 lässt Boris Johnson das Parlament suspendieren, um einen No-Deal-Brexit durchzusetzen, und löst damit eine offene Verfassungskrise aus. Der Fall zeigt, wie sehr das Verhältnis zwischen den Staatsgewalten in Großbritannien bis heute auf Bräuchen und Präzedenzfällen statt auf einer geschriebenen Verfassung beruht.

SWR2 Wissen 2019

Audiofile und Skript

Migration/ Ein Integrationsmodell wird abgewickelt. Riace im Visier der Lega

Riace war ein Musterbeispiel an Integration. Flüchtlinge brachten neues Leben in das sterbende Dorf an der ionischen Küste Kalabriens. Bis 2018 lebten Einheimische und Migranten friedlich miteinander. Dann kam der Bürgermeister unter Hausarrest, und die Flüchtlinge wurden weggebracht.

In den 1950er-Jahren begannen Riaces Bewohner auf der Suche nach Arbeit auszuwandern. Kurz vor der Jahrtausendwende war der alte Ortskern im hügeligen Hinterland, Riace Borgo, beinah entvölkert. Dann landete ein Schiff voll kurdischer Flüchtlinge an Riaces Strand. Der Linksaktivist Domenico Lucano und eine Gruppe Gleichgesinnter brachten sie nach Absprache mit den emigrierten Eigentümern in den verlassenen Häusern des Dorfes unter. 

Lucano ließ sich 2004 zum Bürgermeister wählen und nutzte staatliche Mittel für die Aufnahme von Flüchtlingen, um sie auszubilden, ihnen Arbeit zu geben und um die dazu notwendige Infrastruktur zu errichten. Auch die Einheimischen profitierten davon. Kita und Grundschule wurden wieder eröffnet, Arbeitsplätze geschaffen, die Mikrowirtschaft des Dorfes angekurbelt. Riace wurde ein weltweit gepriesenes Integrationsmodell.

Im Oktober 2018 stellte die Staatsanwaltschaft des benachbarten Locri Domenico Lucano unter Hausarrest – wegen des Verdachts auf Begünstigung illegaler Einwanderung und anderer Delikte. Der rechtsextreme Innenminister Matteo Salvini ließ die in Riace lebenden Asylbewerber in zum Teil weit entfernte Aufnahmelager im ganzen Land bringen. Alle Versuche, das Integrationsprojekt wiederzubeleben scheiterten. Auch in Riace sind Salvinis rechte Anhänger der Lega im Aufwind.

Deutschlandfunk 2019

Audiofile und Skript

Italien/ Venedigs Bootskultur

Die Geschichte Venedigs war von Anfang an untrennbar mit Booten und Schiffen verbunden. Für die zahllosen Kanäle der Serenissima und die sie umgebende Lagune entwickelten Venezianer spezielle Typen von Ruderbooten, von denen die Gondel der bekannteste noch gebräuchliche ist. Seit den 60er-Jahren wurden die Ruderfahrzeuge mehr und mehr durch Motorboote ersetzt. Die übernehmen heute die komplizierte Logistik dieser Stadt im Wasser – von der Feuerwehr bis zur Müllabfuhr. Immer weniger Handwerker beherrschen den kunstvollen, traditionellen Bootsbau. Doch der Wellenschlag, den Tausende Motorboote produzieren, greift Fundamente an und droht, die oft Jahrhunderte alten Bauten Venedigs zu zerstören.

SWR2 Wissen 2019

Audiofile und Skript

Energie/ Korruption und Umweltzerstörung. Das Schwarze Gold der Basilikata

Die Basilikata ist eine der ärmsten Regionen Italiens. Doch im Boden des Agri-Tals lagert das größte Erdölvorkommen Kontinentaleuropas. Ölindustrie und Politik versprachen Arbeitsplätze und Wohlstand. Stattdessen kamen Korruption und Umweltkatastrophen. Und die Menschen sterben deutlich früher als anderswo.

Das Agri-Tal könnte eine Idylle sein. Eichen, Birken und Ginster säumen die Landstraßen, Obstbäume die Felder und Weinberge. Doch Luft, Böden und Gewässer sind verseucht. Über Jahre versickerten mindestens 400 Tonnen Rohöl aus einem ölverarbeitenden Betrieb in den Boden und den Fluss Agri.

Ein Netzwerk aus korrupten Managern und lokalen Beamten sorgte jahrelang dafür, dass Umweltauflagen umgangen wurden. Filteranlagen waren defekt, giftige Schlacken wurden umdeklariert und als harmlose Abfälle billig entsorgt. Die Menschen im Tal leiden unter Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislaufproblemen. Landwirtschaft und Viehzucht, einst die Hauptwirtschaftszweige der Region, mussten vielerorts eingestellt werden. Und die Jugend wandert wieder aus.

Das Agri-Tal könnte eine Idylle sein. Eichen, Birken und Ginster säumen die Landstraßen, Obstbäume die Felder und Weinberge. Doch Luft, Böden und Gewässer sind verseucht. Über Jahre versickerten mindestens 400 Tonnen Rohöl aus einem ölverarbeitenden Betrieb in den Boden und den Fluss Agri.

Ein Netzwerk aus korrupten Managern und lokalen Beamten sorgte jahrelang dafür, dass Umweltauflagen umgangen wurden. Filteranlagen waren defekt, giftige Schlacken wurden umdeklariert und als harmlose Abfälle billig entsorgt. Die Menschen im Tal leiden unter Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislaufproblemen. Landwirtschaft und Viehzucht, einst die Hauptwirtschaftszweige der Region, mussten vielerorts eingestellt werden. Und die Jugend wandert wieder aus.

Das Agri-Tal könnte eine Idylle sein. Eichen, Birken und Ginster säumen die Landstraßen, Obstbäume die Felder und Weinberge. Doch Luft, Böden und Gewässer sind verseucht. Über Jahre versickerten mindestens 400 Tonnen Rohöl aus einem ölverarbeitenden Betrieb in den Boden und den Fluss Agri.

Ein Netzwerk aus korrupten Managern und lokalen Beamten sorgte jahrelang dafür, dass Umweltauflagen umgangen wurden. Filteranlagen waren defekt, giftige Schlacken wurden umdeklariert und als harmlose Abfälle billig entsorgt. Die Menschen im Tal leiden unter Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislaufproblemen. Landwirtschaft und Viehzucht, einst die Hauptwirtschaftszweige der Region, mussten vielerorts eingestellt werden. Und die Jugend wandert wieder aus.

Seit November 2017 stehen die Verantwortlichen für den Umweltskandal vor Gericht. Die Ölförderung geht weiter, als wäre nichts geschehen. Vom Gewinn aus 30 Jahren Erdölförderung ist kaum etwas in der Region geblieben.

Deutschlandfunk 2018

Audiofile und Skript

Zeitgeschichte/ Der Fall Aldo Moro. Wie ein politischer Mord Italien veränderte

Am 16. März 1978 entführten Terroristen der „Roten Brigaden“ den italienischen Staatsmann Aldo Moro und ermordeten ihn nach 55 Tagen Geiselhaft. Sie übernahmen die alleinige Verantwortung für das Verbrechen, doch von Anfang an regten sich Zweifel. Denn die Politik Moros, der die Kommunistische Partei Italiens in eine Große Koalition einbinden wollte, war italienischen und US-amerikanischen Konservativen ein Dorn im Auge – wie auch den europäischen NATO-Verbündeten, den Israelis und sogar Sowjetbonzen. Der zweite Untersuchungsausschuss zu dem Fall kam zu dem Schluss, dass all diese Mächte die Mörder zwar nicht direkt gelenkt haben, sie aber doch zumindest gewähren ließen.

SWR2 Wissen 2018

Zeitgeschichte/ Töten für die Revolution – oder auch nicht

Vor exakt vierzig Jahren wurde der italienische Politiker Aldo Moro, Vorsitzender der Democrazia Cristiana, entführt – und dann ermordet. Mit Folgen bis heute.

Er war auf dem Weg zum Parlament, als die Brigate Rosse zuschlugen, alle Leibwächter töteten und Aldo Moro entführten. Bis zum Tag seiner Ermordung, dem 9. Mai, blieb Aldo Moro in Gefangenschaft der Brigate Rosse, versuchte zu verhandeln, versuchte, seinen beträchtlichen politischen Einfluss auszunützen. Vergeblich.

Die Brigate Rosse hatten ihr Ziel erreicht, den historischen Kompromiss, der sich anbahnte, das Zusammengehen der Kommunisten und der Christdemokraten, zu zerschlagen. Eine Zeitenwende, die Italien bis heute prägt.

SRF 2018

Lidia Menapace, Partisanin

Geschichte/ Italienerinnen im Widerstand

Etwa 80.000 Frauen nahmen an der Resistenza, dem antifaschistischen Widerstandskampf in Italien, teil. Nicht nur versteckten sie Partisanen, versorgten sie mit Kleidung und Nahrung und pflegten Verletzte. Sie überbrachten auch Botschaften und Waffen an die Widerstandsbrigaden in den Bergen und versteckten Widerstandskämpfer in den Städten. 3.500 Frauen kämpften mit Waffen an der Seite der Männer.

Nach dem Krieg ließen sich die Partisaninnen nicht aus der Politik wegdrängen, sondern setzten sich für die Emanzipation der Frau in der männerdominierten italienischen Gesellschaft ein.

RBB Kulturradio 2018

NATO/ Das Mobile User Objective System

So heißt das neue Satellitenkommunikationssystem der US Navy. Es besteht aus fünf Satelliten, die mit vier Bodenstationen verbunden sind, und wird die Kommando- und Kontrollzentralen der US-Streitkräfte weltweit und 18.000 militärische Radioterminals miteinander verbinden – bei der zehnfachen Übertragungskapazität des Vorgänger-Systems. Damit soll unter anderem die Lenkung und Kontrolle von Drohnen verbessert werden. Eine Bodenstation befindet sich in Wahiawa, Hawaii, eine andere in Chesapeake, Virginia, eine dritte in Kojarena, Australien, die vierte bei Niscemi auf Sizilien. Diese liegt auf einem Gelände, das zum Teil als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Für den Ausbau der Station wurde einer der letzten Korkwälder Europas, die Sughereta, abgeholzt. Die Satellitenschüsseln des Systems sind jedoch nicht nur für die Feinde der USA gefährlich. Ihre elektromagnetische Strahlung kann auch der Gesundheit der Menschen, die in ihrer Nähe leben, und der Umwelt schaden. Das hat die Bevölkerung Niscemis in den vergangenen Jahren auf die Barrikaden gebracht. Aus ihrem Widerstand ist die No MUOS Bewegung entstanden, die den Bau der Station nicht verhindern konnte, aber nun für ihre Ausschaltung kämpft. Sie ist zu einer Friedensbewegung gewachsen, die sich gegen die Militarisierung Siziliens durch US- und Nato-Basen wehrt.

SWR/WDR/SRF 2017

Audiofiles und Webtext

Ermenegildo Bugni, Partisan

Geschichte/ Die italienischen Partisanen, Hüter der Verfassung

Im Dezember 2016 haben die Italiener die von der Regierung Renzi vorgeschlagene Verfassungsreform in einem Referendum abgeschmettert. Das ist sicherlich auch der Organisation der italienischen Partisanen zu verdanken, die an der Kampagne gegen die Reform maßgeblich beteiligt war. Die noch lebenden Partisanen halten es für ihre Pflicht, die Verfassung Italiens, die aus dem antifaschistischen Widerstandskampf hervorgegangen ist, zu verteidigen. Nicht zufällig ist sie die progressivste Verfassung Europas. Denn die Mehrheit der italienischen Partisanen waren Kommunisten, Sozialisten, und Mitglieder der Brigaden „Gerechtigkeit und Freiheit“. Sie kämpften nicht nur für die Demokratie, sondern auch für ein gerechteres Land. Eine Hoffnung, die sich aus ihrer Sicht nicht erfüllte.

SWR2 Wissen 2017

Audiofile und Skript

Geschichte/ Was zählt, sind Taten. Frauen in der italienischen Resistenza

Ungefähr 80.000 Italienerinnen nahmen am antifaschistischen Widerstand teil. Lidia Menapace war Leutnant in der Resistenza, sie transportierte Sprengstoff und überbrachte Befehle von den Partisanenführern zu den Brigaden. Maria Lisa Cinciari Rodano agitierte schon im Gymnasium gegen den Faschismus, später organisierte sie aus dem Untergrund Demonstrationen. Luciana Romoli diente als Kurierin in Rom. Nach dem Krieg kämpften sie weiter für die Rechte der Frauen. Der Faschismus hatte der Frauenbewegung ein Ende gesetzt, in der Resistenza nahm sie einen Neuanfang. Eine Folge davon war 1946 die Einführung des Frauenwahlrechts in Italien.

SWR2 Leben 2017

Audiofile und Skript

Italien/ Das Ende der Hoffnungen. Der Niedergang der italienischen Linken

In den 60er- und 70er-Jahren war Italien ein Labor linker Kämpfe und linker Theorie. In Zeitschriften wie Quaderni Rossi und Classe operaia wurde der Marxismus neu gedacht und dem Ist-Zustand der Arbeiterklasse angepasst. Die Fabrikarbeiter probierten neue Streikformen aus und brachten den Klassenkampf auf die Straßen. 1968 schlossen sich ihnen Studenten und Intellektuelle an. Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) hatte sich schon 1945 zur parlamentarischen Demokratie als italienischen Weg zum Sozialismus bekannt. 34,4 Prozent der Wahlstimmen erlangte die Partei bei den Parlamentswahlen 1976 – auch dank der Popularität ihres Vorsitzenden Enrico Berlinguer. In den 80er-Jahren wurde die außerparlamentarische Bewegung durch die Abspaltung bewaffneter Gruppen und die immer härtere polizeiliche Repression auseinandergetrieben. Und 1991 löste sich die PCI auf. Bei alledem ist das linke Volk Italiens nicht verschwunden, aber völlig desillusioniert. Die Aktivisten von damals setzen ihre einzige Hoffnung in die Kunst.

Deutschlandfunk 2017

Audiofile und Skript

Kirche/ Gefügsamer Revolutionär: Franz von Assisi und die Kirche

Der Kaufmannssohn Francesco Bernardone gelobte 1207, fortan in Armut und nach dem Wortlaut des Evangeliums zu leben. Beides war der Kirche suspekt, weil es einer Anklage ihrer gar nicht frugalen Sitten gleichkam. Sie bekämpfte Armutsbewegungen und verbot Laien zu predigen. Franziskus jedoch predigte sogar Pflanzen und Tieren – er sah in allen Kreaturen einen Ausdruck Gottes. Dem Vorwurf der Ketzerei entkam er nur, weil er sich der Kirche unterwarf. Der Bruderschaft, die sich um ihn bildete, schrieb er freilich Regeln vor, die dem Vatikan missfielen: Die „Minderen Brüder“ oder Franziskaner sollten eine Gemeinschaft besitzloser Gleicher sein und von eigener Hände Arbeit und vom Betteln leben. Schon das Berühren von Münzen galt Franziskus als Sünde. Kein Wunder, dass der Papst von ihm die Niederschrift einer „entschärften“ Ordensregel verlangte. Dennoch wurde Franziskus zwei Jahre nach seinem Tode heiliggesprochen.

SWR2 Wissen 2016

Hörspiel/ Fiore di campo

Musik: Lucia Ronchetti, Text: Aureliana Sorrento

Das Leben von Giuseppe Impastato war kurz. 1948 in eine sizilianische Mafia-Familie geboren, wandte er sich schon als Jugendlicher gegen die Cosa Nostra. Er propagierte den Kommunismus, organisierte Bauernproteste, schrieb Gedichte. 1976 gründete er den freien Sender ›Radio Aut‹ und persiflierte dort die Mafiabosse seiner Heimatstadt Cinisi. 1978 wurde er ermordet. Collage aus Radiomitschnitten, Gedichten und biografischen Szenen über einen mutigen Menschen. Fiore di campo nasce dal grembo della terra nera, fiore di campo cresce odoroso di fresca rugiada, fiore di campo muore sciogliendo sulla terra, gli umori segreti. Wiesenblume sprießt Im Schoß der schwarzen Erde Wiesenblume wächst Mit dem Duft frischen Taus Wiesenblume stirbt Und dunkle Säfte zerfließen in die Erde (Giuseppe Impastato) Textregie: Götz Naleppa Komposition: Lucia Ronchetti Mit: Tonio Arango, Stefan Kaminski, Eduardo Mulone Realisation: Lucia Ronchetti und Aureliana Sorrento Ton und Technik: Hermann Leppich, Gregorio Karman, Hannes Fritsch und Philip Adelmann Produktion: Deutschlandradio Kultur/Studio für elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin 2016, Länge: ca. 49’20

Deutschlandfunk 2016

Italien/ Rebellion für Recht und Ordnung. Italien und Die Fünf-sterne Bewegung

Als bei den letzten italienischen Nationalwahlen im Februar 2013 die Fünf-Sterne-Bewegung 25,55 Prozent der Stimmen für das Abgeordnetenhaus errang und somit besser als alle anderen Parteien abschnitt, erwischte das Ergebnis Politiker und Journalisten völlig unvorbereitet. Niemand hatte geglaubt, dass die offiziell erst 2009 gegründete Bewegung ein solches Resultat erzielen könnte. Nicht einmal deren Gründer, der Komiker Beppe Grillo. Seine Schimpftiraden gegen die politische Kaste Italiens, gegen Parteien und Brüsseler Technokraten hatten ihm den Ruf eines Populisten, Antipolitischen und Europaskeptikers eingehandelt. Unbekannte zogen als Fünf-Sterne-Abgeordneten und Senatoren in die italienischen Parlamentskammern. Heftige Polemiken über mangelnde interne Demokratie, Autoritarismus, Ausschlüsse und Austritte von Fraktionsmitgliedern haben die ersten zwei Parlamentsjahre der Neugewählten begleitet. Doch sind viele Italiener davon überzeugt, dass die Fünf-Sterne-Abgeordneten momentan die einzige Opposition gegen die neoliberale Politik der regierenden Großen Koalition darstellen – und die einzige Hoffnung auf ein Land, in dem die Gesetze für alle gelten, die Verwaltung funktioniert, und das nicht von korrupten Seilschafen regiert wird. Denn, so bilderstürmerisch sie sich auch geben, im Parlament sind die sogenannten Grillini vor allem als Verteidiger von Recht und Gesetz aufgefallen, als Kämpfer gegen Korruption und Verschwendung und für Transparenz der Verwaltung.

Deutschlandfunk 2016

Audiofile und Skript

Die Inschrift im Bild lautet: „Menschen ohne Wohnung. Wohnungen ohne Menschen“

Soziale Bewegungen/Die Wohnungsfrage. Ein Europäisches Kreuz

Ende 2015 haben die Internetportale Immowelt.de und Immonet.de durch eine Auswertung ihrer Mietwohnungsanzeigen herausgefunden, dass in vielen Großstädten Deutschlands etwa die Hälfte der Haushalte Anrecht auf einen Wohnungsberechtigungsschein hat, dass aber die erschwinglichen Wohnungen auf dem Markt nur für einen Bruchteil der Wohnsuchenden ausreichen. Das liegt vor allem am massiven Anstieg der Mietpreise – seit 2010 sind sie in Berlin im Durchschnitt um 45% gestiegen. In der Hauptstadt ist auch die Differenz zwischen tatsächlichen Mieten und der Obergrenze für angemessenen Wohnraum, die von den Sozialämtern akzeptiert wird, am größten. So konkurrieren 55% der Haushalte um 7,3% der Angebote. Wohnungsnot ist also auch in Deutschland ein dringliches Problem geworden.

In anderen europäischen Ländern, in Spanien und Italien etwa, ist die Schere zwischen Durchschnittseinkommen und Mietpreisen seit jeher exorbitant. Der Grund, weshalb viele Haushalte Hypothekenkredite aufnahmen, um eine Eigentumswohnung zu kaufen. Seit Beginn der Finanzkrise, in der Millionen Menschen ihre Arbeit verloren haben, wurden in diesen Ländern mehrere Hunderttausende aus ihren Wohnungen zwangsgeräumt – in Spanien aufgrund von Zwangsvollstreckungen, die der Europäische Gerichtshof für illegal erklärt hat. So sind Bewegungen entstanden, die durch verschiedene Methoden die Wohnungsnot bekämpfen und das Recht auf Wohnen reklamieren – in Rom, Madrid und zuletzt auch in Berlin. Eine Lageerkundung durch drei europäische Hauptstädte.

SRF/WDR5 2016

Audiofiles

Migration/ Der Rückkehrer

Ziyad Younis kam 1980 zum ersten Mal nach Deutschland. Er war aus dem kurdischen Gebiet des Irak geflohen, wo er als Jugendlicher für die Unabhängigkeit der Kurden gekämpft hatte.

SWR2 Leben 2016

Migration/ Arbeitssklaven in Kalabrien. Labor des Wegwerf-Menschen

Rosarno ist eine Kleinstadt im Süden Kalabriens, deren Wirtschaft seit jeher auf dem Anbau von Zitrusfrüchten gründet. Einst ein florierendes Städtchen, hat es seit den 70er-Jahren einen stetigen Niedergang erlebt. Denn irgendwann konnten die kalabrischen Orangen der billigen Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr standhalten.

Um zu überleben, haben die Orangenbauern Verträge mit transnationalen Handelsketten, Saft- und Getränkeherstellern wie etwa Coca-Cola geschlossen. Doch diese globalen Akteure diktieren die Preise auf dem Weltmarkt und drücken sie immer weiter nach unten. Die Orangenanbauer Kalabriens konnten nur überleben, indem sie bis heute vom Elend der Flüchtlingsströme aus Afrika und Osteuropa profitieren.

Die Einwanderer werden als Tagelöhner auf den Straßen Rosarnos angeheuert und schuften auf den Orangenplantagen für 20 oder 25 Euro am Tag. Wenn sie überhaupt bezahlt werden, und wenn sie überhaupt Arbeit finden. Vor allem die meist illegal eingereisten Afrikaner sind dem Gutdünken der Bauern ausgeliefert. Für den Soziologen Fabio Mostaccio sind sie der Prototyp des Wegwerf-Arbeiters, den die neoliberale Globalisierung verlangt.

Deutschlandfunk 2015

Audiofile und Skript

Mafia/ Im Fadenkreuz. Kalabrien und die ‚Ndrangheta

Als der Priester Giacomo Panizza nach Kalabrien zog, gründete er ein Sozialprojekt für Menschen mit Behinderungen. Er wollte sich für Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Aber in Kalabrien regiert die ‚Ndrangheta, und die diktiert ihre eigenen Gesetze. Seitdem eine seiner Kooperativen das konfiszierte Haus eines Clans bezogen hat, steht Don Giacomo im Visier der kalabrischen Mafia.

Um sein Leben bangen muss auch der Unternehmer Gaetano Saffioti. Er hat die Bosse angezeigt, die ihn jahrzehntelang erpressten; nun lebt er isoliert, von Kameras und Leibwächtern bewacht. Der Geschäftsmann Bentivoglio hat die Schüsse eines Mordkommandos knapp überlebt, doch er ist wirtschaftlich ruiniert. Aber es regt sich Widerstand, immer mehr Menschen sagen nein zur Herrschaft der ‚Ndrangheta.

SWR2 Feature 2014

EU/ Militarisierung für den Wohlstand

Die Kriege der Zukunft werden Kriege in urbanen Ballungsräumen sein, weil bald die Mehrheit der Menschheit in Megastädten leben wird. Es werden „asymmetrische“ Kriege sein, die nicht gegen Heere, sondern gegen Terroristen und Aufständische geführt werden.

Warum sie geführt werden müssen, wird in „Perspektiven für die Europäische Verteidigung 2020“, einem Strategiepapier des Instituts für Sicherheitsstudien der Europäischen Union (EUISS), eingehend erklärt: Sie sollen den Welthandel sichern, von dem der westliche Wohlstand abhängt, und vor allem sollen sie den „Schutz der Reichen dieser Welt vor den Spannungen und Problemen der Armen“ gewährleisten.

Durch Welthandel und Technologie schrumpfe die Welt zu einem globalen Dorf, „das sich allerdings am Rande einer Revolution befindet. Während wir es mit einer immer stärker integrierten Oberschicht zu tun haben, sind wir gleichzeitig mit wachsenden explosiven Spannungen in den ärmsten Unterschichten konfrontiert.“ Auf solche Kriege bereitet sich die Europäische Union seit 1999 vor, als die europäischen Regierungschefs die Gründung einer eigenen Eingreiftruppe beschlossen.

Im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (mit dem Lissabon Vertrag in Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik umbenannt) werden militärische und polizeiliche Zuständigkeiten zunehmend verwischt und Kapazitäten zur Bekämpfung von Aufständen aufgebaut. Offiziell geht es dabei um „asymmetrische“ Einsätze in Ländern außerhalb der Europäischen Union. Aber mit Art. 222 des Lissabon Vertrags hat man auch die rechtliche Voraussetzung für den Einsatz von Militärs und paramilitärischen Einheiten in EU-Krisenstaaten geschaffen.

Deutschlandfunk 2014

Italien/ Triest – Zwischen habsburgischer Vergangenheit und europäischer Zukunft

Triest, heute die östlichste Stadt Italiens, war bis 1918 Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. In der Hafenstadt an der Adria lebten im Vielvölkerstaat der Habsburger neben der italienischen Bevölkerungsmehrheit u.a. Slowenen, Kroaten, Deutsche, Armenier, Serben, Griechen und italienische Juden. Ihr ebenso friedliches wie fruchtbares Neben- und Miteinander zerfiel im 19. Jahrhundert in Nationalismen und ethnische Konflikte. Nachdem Triest an Italien gefallen war, wurden die Minderheiten von den Faschisten zwangsitalienisiert. Heute blicken viele Triester nostalgisch auf die glanzvolle k.u.k.-Vergangenheit zurück, wollen sich von Italien lösen und fordern die völkerrechtliche Anerkennung ihrer Stadt als Freies Territorium. So, wie es der Pariser Friedensvertrag von 1947 vorsah.

SWR2 2014

Vatikan/ Im Schatten heiliger Mauern

Während des Pontifikats Benedikts XVI. wurde die Katholische Kirche von Skandalen überrollt. Durch die Vatileaks-Affäre wurden Intrigen und Korruptionsfälle innerhalb der Kurie publik. In der Vatikanbank IOR, dem so genannten „Institut für religiöse Werke“, wurden sowohl Einkünfte der Mafia wie auch Schmiergelder italienischer Politiker gewaschen.

SWR2 2013

CIA/ Der Fall Abu Omar vor Gericht. Rekonstruktion eines staatlichen Kidnappings

Am 17. Februar 2003 wurde Osama Nasr Mostafa Hassan in der Via Guerzoni in Mailand entführt. Der als Abu Omar bekannte Prediger einer Mailänder Moschee wurde verdächtigt, einem Terroristennetzwerk anzugehören und war deshalb von der Antiterror-Einheit der Mailänder Polizei verfolgt worden. Nachdem der mutmaßliche Terrorist verschwunden war, suchten die Anti-Terror-Polizisten unter der Leitung von zwei Mailänder Staatsanwälten nach dessen Entführern und kamen staatlich verbrieften Tätern auf die Spur. Abu Omar war von Agenten der CIA und der italienischen Militärgeheimdienste verschleppt worden, von der Air Force Base Aviano in Italien zur Air Force Base Ramstein in Deutschland und von dort nach Ägypten geflogen worden. Dort wurde er ägyptischen Behörden zur Vernehmung übergeben und monatelang gefoltert. Es ist der erste Fall von extraordinary rendition – wie die USA diese besondere Methode ihres Krieges gegen den Terror nennen – der der Weltöffentlichkeit in allen Einzelheiten bekannt wurde. Und der einzige, der einen wirklich außerordentlichen Ausgang nahm: das Mailänder Gericht verurteilte 23 CIA-Agenten, den Chef der italienischen Geheimdienste und vier seiner Mitarbeiter zu hohen Haftstrafen.

Deutschlandfunk 2013

Audiofile und Skript

Italien/ Silvio Berlusconi – Seelenfänger Italiens?

Er beherrschte zwei Jahrzehnte lang die italienische Politik, war viermal Ministerpräsident und regierte am längsten von allen Premiers der Nachkriegszeit. Viele Italiener sehen ihn als als Selfmademan und erfolgreicher Unternehmer, als „neuer Mann“ mit weißer Weste, und sie lieben ihn dafür. Dabei baute der 1936 in Mailand geborene Medientycoon sein Imperium auf tönernen Füßen: Sein Aufstieg im Baugewerbe wurde über die Banca Rasini und undurchsichtige Auslandsgesellschaften finanziert, Kronzeugen zufolge auch mit Mafiageldern. 1975 gründete er die Holding Fininvest, deren Kapitalherkunft Staatsanwälte nie klären konnten.

Über sein Privatfernsehen, ausgebaut mit Hilfe seines Freundes Bettino Craxi, erlangte er ein Meinungsmonopol. 1994 nutzte er das Machtvakuum nach Tangentopoli und gründete Forza Italia; Ermittler vermuten eine stille Übereinkunft mit der Cosa Nostra, vermittelt über seinen Vertrauten Dell’Utri.

Als Regierungschef erließ er Dutzende Gesetze, die Prozesse gegen ihn verjähren ließen. Während seiner drei Amtszeiten sind Klientelismus und Steuerhinterziehung in Italien System geworden, bis das Land 2011 vor dem Bankrott stand. 

SWR2 2013

Sizilien/ Allein gegen die Mafia

Cinisi bei Palermo war in den 70er-Jahren eine Hochburg der sizilianischen Mafia. Giuseppe Impastato stammte aus einer Mafiafamilie und engagierte sich politisch gegen die Mafiosi. Am 9. Mai 1978 wurde er von der Mafia ermordet. Heute ist Peppino Impastato eine Ikone der Antimafia-Bewegung.

SWR2 Wissen 2013

Wirtschaftskrise/ Im Fadenkreuz der EU-Retter. Italiens produktivste Zentren in Not

Montebelluna, eine Stadt mit 31000 Einwohnern in der Provinz von Treviso, war einst ein Musterbeispiel jenes Entwicklungsmodells, das den Nordosten Italiens zum produktivsten Zentrum des Landes gemacht hat.
Kleine und mittelgroße Handwerksbetriebe, deren hochwertige Produkte sich auch auf dem europäischen Markt durchsetzen konnten, und eine Unternehmenskultur, die auf beinah familiären Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern basierte, sicherten der Stadt Vollbeschäftigung und Wohlstand. Die Globalisierung führte auch hier zur Verlagerung der Produktion in Länder mit Niedrigstlöhnen und zur Schließung örtlicher Betriebe. Eine Entwicklung, die durch die von der EU erzwungene Sparpolitik der Regierung Monti verschärft wird. Wie andere Gemeinden auch kann Montebelluna weder überfällige Investitionen in die Infrastruktur tätigen noch die Rechnungen von örtlichen Auftragnehmern begleichen. Es ist absehbar, dass dies weitere Unternehmen in den Konkurs treiben und den Wirtschaftskreislauf zum Stillstand bringen wird. Da in Venetien in drei Jahren circa 50 Selbstmorde wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten registriert wurden, hat die dortige Handwerkskammer eine Beratungsstelle zur psychologischen Unterstützung kriselnder Unternehmen eingerichtet.

Deutschlandfunk 2012

NATO/ Das Quirra-Syndrom. Ermittlungen über einen NATO-Schießplatz auf Sardinien

Der Staatsanwalt von Lanusei, einem Ort im Westen Sardiniens, ermittelt in einem heiklen Fall. Es besteht der Verdacht, dass auf dem größten NATO-Übungsplatz Europas, dem Schießplatz von Quirra auf Sardinien, unter anderem von der deutschen Bundeswehr Waffen gesprengt und getestet wurden, die abgereichertes Uran enthielten und das Gebiet rund um den Schießplatz verseucht haben.

Deutschlandfunk 2011

Audiofile und Skript

Italien/ Die Mafia und die Macht. Ein Kronzeuge sagt aus

Massimo Ciancimino war jahrelang der Handlanger seines Vaters Vito Ciancimino – eines christdemokratischen Politikers, ehemaligen Bürgermeisters von Palermo und Freund des Mafia-Bosses Bernardo Provenzano. Vito verteilte öffentliche Gelder unter Mafiosi und Politikern und vermittelte bei Verhandlungen zwischen der Cosa Nostra und dem italienischen Staat. Vito Ciancimino starb 2002 – jetzt sagt sein Sohn aus: über das Leben seines Vaters, die Verquickung von Mafia und Politik in Italien und, last but not least, über das Verhältnis Silvio Berlusconis zur Cosa Nostra. Aus Cianciminos Zeugenaussagen lässt sich schließen, dass Berlusconis Partei Forza Italia als Handpuppe der Mafia entstanden ist. O-Töne: Massimo Ciancimino (it, darüber dt Übersetzung) Kronzeuge, ehemaliges Mitglied Mafia-Organisation Cosa Nostra und Leoluca Orlando, Leoluca (it, darüber dt Übersetzung), ehem. Bürgermeister Palermo, MdEP Italia dei valori.

SWR2 Wissen 2011

Mafia/ Die Schiffe der Gifte. Eine Recherche in Kalabrien

Panik herrschte in Cetraro, einem Dorf an der kalabrischen Westküste, als im vergangenen September ein Wrack gefunden wurde. Man hatte nach dem Schiff gesucht, nachdem der Mafioso Francesco Fonti gestanden hatte, er habe 1992 im Auftrag der Ndrangheta mehrere giftbeladene Frachter vor der Küste Kalabriens versenkt, darunter die „Cunski“, die radioaktiven Müll transportierte. Glaubt man dem reuigen Mafioso, liegen in kalabrischen Gewässern mindestens 30 Schiffe mit toxischem und radioaktivem Abfall, die von der Ndrangheta im Auftrag des italienischen Geheimdienstes Sismi „entsorgt“ wurden. Die italienische Regierung hat inzwischen dementiert, dass es sich bei dem gefundenen Wrack um die „Cunski“ handelt. Aber der Fund einen Krimi an die Oberfläche gespült, in dem nicht nur die Mafia und der italienische Staat eine dubiose Rolle spielen.

Deutschlandfunk 2008

Audiofile und Skript

Mafia/ Neapel und der Müll

NDR 2008

Neapel gilt seit den 1990ern als chronischer Müllnotstandsfall: Tonnenweise Hausmüll stapelt sich auf den Straßen, weil Deponien angeblich voll sind und geplante Verbrennungsanlagen nie fertiggestellt werden. 2008 erklärte Berlusconi die Krise für beendet, nachdem rund 50.000 Tonnen Müll entsorgt worden waren, teils in deutschen Öfen. Tatsächlich blieben Tausende Tonnen liegen.

Hinter dem Chaos steckt System: Zuständige Konsortien aus Kommunen und Privatfirmen sind vielfach von der Camorra unterwandert, für die das Müllgeschäft nach dem Drogenhandel die lukrativste Einnahmequelle ist. Ermittlungen legen nahe, dass an Orten illegal entsorgten Giftmülls anschließend offizielle Hausmülldeponien errichtet wurden, um Spuren zu verdecken. Der Prozess gegen den Casalesi-Clan endete 2008 mit lebenslangen Haftstrafen, ohne die Macht der Camorra zu brechen. Im „Todesdreieck“ zwischen Neapel und Caserta liegt die Sterblichkeit wegen der Deponien über dem Landesdurchschnitt.

Italien/ Der Anarchist fiel aus dem Fenster der Kaserne. 1968 in Italien

Das italienische 1968 war mehr als eine Studentenrevolte – es war der Auftakt zu einem jahrelangen, blutigen Ringen zwischen sozialen Bewegungen, Staatsapparat und neofaschistischem Terror. Seine Wurzeln reichen bis in die späten 1950er-Jahre zurück: In den Fabriken Norditaliens trafen ungebundene Arbeitsmigranten aus dem agrarischen Süden auf eine traditionsreiche, aber erstarrte Gewerkschaftskultur und lösten mit spontanen Streikformen wie dem „Streik nach Pfiff“ neue Konflikte aus. 1960 eskalierten Proteste gegen einen Parteitag der neofaschistischen MSI in Genua zu landesweiten Unruhen mit Todesopfern und stürzten die Regierung Tambroni – eine Generalprobe für das, was folgen sollte. Geheimdienste bereiteten in diesen Jahren sogar Putschpläne vor, um eine Regierungsbeteiligung der Sozialisten zu verhindern.

Ab 1967 breiteten sich Universitätsbesetzungen von Pisa und Turin über ganz Italien aus, begleitet vom „Thesen“-Papier der Universität La Sapienza, das die Lage der Studierenden als Klassenkampf definierte. Die Bewegung verstand sich explizit als Teil der Arbeiterbewegung und in Opposition zur offiziellen Kommunistischen Partei. Studierende und Arbeiter wurden wiederholt von Neofaschisten angegriffen,, die, wie sich später herausstellte, in engem Kontakt zu „umgeleiteten“ Geheimdienstabteilungen standen.

Im Frühjahr 1968 verschmolzen Studenten- und Arbeiterproteste: Streiks und schließlich der „Heiße Herbst“ 1969 mit der „Schlacht von Corso Traiano“ bei Fiat in Turin brachten Hunderttausende auf die Straße. Gleichzeitig begannen im Sommer 1969 Bombenanschläge auf Züge, die zunächst Anarchisten angelastet wurden. Den traurigen Höhepunkt bildete das Attentat auf der Piazza Fontana in Mailand am 12. Dezember 1969 mit 16 Toten. Der zu Unrecht verdächtigte Anarchist Pino Pinelli starb wenige Tage später unter ungeklärten Umständen bei einem Polizeiverhör – ein bis heute nicht aufgeklärter Fall, der zum Symbol einer „Strategie der Spannung“ wurde: Jahre später kam ans Licht, dass die Anschläge tatsächlich von Neofaschisten verübt worden waren, mutmaßlich mit Rückendeckung von Teilen des Staatsapparats und amerikanischer Geheimdienste.

Nach Piazza Fontana radikalisierten sich Teile der Bewegung, die Gewaltfrage spaltete zentrale Gruppierungen wie Potere Operaio und Lotta continua, aus denen später auch klandestine, bewaffnete Formationen hervorgingen. Zwischen 1969 und 1984 verübten neofaschistische Attentäter acht große Anschläge mit 149 Toten – bei nur zwei Verurteilungen. Die Arbeiterkämpfe brachten zwar 1970 mit dem „Statut der Arbeiter“ wichtige Rechte wie Betriebsräte und Kündigungsschutz, mussten aber immer wieder neu erstritten werden. Ihren endgültigen Schlusspunkt setzten 1980 die Massenentlassungen bei Fiat in Turin, mit denen Konzernchef Gianni Agnelli die organisierte Arbeiterschaft zerschlug.

Deutschlandfunk 2008

Theater/ Transformation Text Theater. Dimiter Gotscheff und Heiner Müller

Der Dramatiker Heiner Müller (1929–1995) gilt dem bulgarischen Regisseur Dimitar Gottschew als der Dichter, der die Mechanismen der Geschichte – Macht, Gier, Rache, Untergang – schonungslos offengelegt hat. Seit 2004 bringt Gottschew Müllers Stücke regelmäßig auf Berliner Bühnen, zuletzt „Anatomie Titus Fall of Rome“ und „Hamlet-Maschine“ am Deutschen Theater.

Kennengelernt hatten sich beide 1964 in Ost-Berlin. 1983 inszenierte Gottschew in Sofia Müllers „Philoktet“, einen Stoff, den er 19 Jahre mit sich herumgetragen hatte; noch die DDR-Zensur hatte darin ein Politikum gewittert. Müller reiste zur Premiere an und schrieb Gottschew danach einen Brief, der zum theatertheoretischen Vermächtnis wurde: „Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist.“ Nach Wolf Biermanns Ausbürgerung verließ Gottschew die DDR – nicht Richtung Westen, sondern zurück nach Bulgarien. Erst 1990 inszenierte er, in Köln, erstmals in Westdeutschland.

Gottschew ist überzeugt: Der Westen hat Müller nie wirklich verstanden, weil ihm die Erfahrung des realen Sozialismus fehlte. Und er glaubt, dass Müllers Anatomie des Untergangs großer Reiche heute aktueller ist denn je.

RBB kulturradio 2008

Dichtung/ Warum ein gut gefügtes Gehirn Verse produziert. Streifzüge zwischen Neurologie und Poetik

Wo einst von der Seele die Rede war, ist heute vom Gehirn die Rede – doch dieser Begriffswechsel vollzieht sich nicht reibungslos, schon gar nicht in der Dichtung. Der deutsche Dichter Durs Grünbein und der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos, seit Jahren eng befreundet, kreisen in ihrem Werk um dieselbe Frage: Was geschieht im Gehirn, wenn Verse entstehen?

Aris Fioretos, 1960 in Göteborg als Sohn einer Österreicherin und eines aus politischen Gründen nach Schweden geflohenen Griechen geboren, lässt in seinem Roman „Die Seelensucherin“ einen exzentrischen Hirnforscher namens Professor Schaumberg nach dem Sitz der Seele im Gehirn suchen: Schaumberg glaubt, eine physische „Punktsubstanz“ nachweisen zu können, die selbst den Tod überlebt. Parallel dazu reist die junge Berlinerin Vera Grund 1925 nach Stockholm, um ihren verschollenen Vater zu finden – ein Mann, der behauptete, keinen Körper zu haben, und einst als Schaumbergs vielversprechendster Fall galt. Mit leiser Ironie erzählt Fioretos von der Anmaßung der Wissenschaft, die Seele physisch dingfest machen zu wollen. In seinem Essay „Mein schwarzer Schädel“ beschreibt er die Aufgabe des Schriftstellers als die eines „Kranionauten“, eines „Schädeltauchers“, der sich selbst beim Denken beobachtet.

Ein Grenzfall macht das Dilemma zwischen Gehirn und Dichtung noch greifbarer: Der schizophrene Patient Ernst Herbeck schrieb in einer österreichischen Klinik rund 1200 Gedichte; sein Psychiater Leo Navratil sah darin den Beweis, dass schizophrene und poetische Sprachphänomene sich überschneiden können.

Auch die Neurobiologie selbst tut sich mit dem Phänomen künstlerischer Kreativität schwer: Wie aus grauer Substanz Bewusstsein oder gar künstlerische Vision entsteht, bleibt ungeklärt; mancher Hirnforscher erklärt das Ich kurzerhand zur Fiktion. Durs Grünbein hält dem einen unerwarteten Verbündeten entgegen – René Descartes, dessen Cogito das Denken erstmals zum „Ich“ macht und der postulierte, es brauche ein „gut gefügtes Gehirn“, um dem Ansturm der Inspiration standzuhalten. Aris Fioretos wiederum sieht in der Literatur einen Mehrwert, der beim Schreiben entsteht und sich jeder wissenschaftlichen Kontrolle entzieht.

Deutschlandfunk 2007

Audiofile und Skript

Literatur/ Robert Walser in Berlin

Robert Walser (1878–1956), Schweizer Dichter, verbrachte 33 Jahre in der Klinik Herisau, wohin man ihn gegen seinen Willen einwies; die Ärzte diagnostizierten Schizophrenie. Er starb an Weihnachten 1956 bei einem Spaziergang im Schnee.

Prägend wurden die Berliner Jahre 1905 bis 1913. Walser, zuvor Bankangestellter in Zürich, suchte dort ein freies Schriftstellerleben – ermutigt vom Erfolg seines Bruders Karl, eines gefragten Bühnenbildners, der ihn in die Kunstszene um Verleger Bruno Cassirer einführte. Unter der eleganten Gesellschaft fühlte er sich stets als Fremder, als „staunender Bauernbursche“. 1906 entstand sein erster Roman „Geschwister Tanner“, gefördert von Christian Morgenstern; es folgten „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“, dessen Held wie Walser scheitert und sich zurückzieht. Zwischen Faszination und Überdruss schwankend, blieb er ein Beobachter am Rand – von einer Rastlosigkeit geplagt, die Elfriede Jelinek als Fluchtdrang einer Seele deutet, die dem Körper entkommen will.

RBB kulturradio 2007

Literatur/ Der Dichter und die Stadt. Auf den Spuren des russischen Dichters Andrej Belyj in Berlin

Andrej Belyj

Der russische Symbolist Andrej Belyj (eigentlich Boris Nikolajewitsch Bugajew), 1880 in Moskau als Sohn eines Mathematikprofessors geboren, war mit Romanen wie „Petersburg“ (1913/14) längst ein Klassiker der Moderne, als er von November 1921 bis Oktober 1923 in Berlin lebte. Die Stadt wurde ihm zum Sinnbild eines untergehenden Europas: In seinem Essay „Eines der Domizile des Schattenreichs“ (1924) beschreibt er ein graubraunes, von Verwesung gezeichnetes Berlin – ein Schattenreich, durch das fahle „Lemuren“ wandeln.

Privat erlebte Belyj in Berlin eine tiefe Krise: Seine Frau Assja Turgenjewa verließ ihn, sein verehrter Lehrer Rudolf Steiner mied ihn. Nächtelang tanzte er Foxtrott durch Berliner Bars – für ihn Ausdruck eines Sieges des Unbewussten über die bürgerliche Ordnung, den er, in den Begriffen seiner Zeit, mit Chaos, „Orient“ und Revolution gleichsetzte. Trotz aller Enttäuschung an der Sowjetunion blieb er überzeugt, dass es zur Oktoberrevolution keine Alternative gebe. In Berlin traf Belyj auch die Dichterin Marina Zwetajewa wieder, die nach seinem Tod 1934 seine Einsamkeit in der Emigration in einem Nachruf festhielt.

RBB kulturradio 2006