Literatur, Kunst, Theater

Keine Diskussion, bitte!, SWR 2 LiteraturEn, 29.11.2016

Anmoderation

Am 2. Juni dieses Jahres jährte sich das Referendum, in dem die Italiener sich für die Staatsform der Republik entschieden, zum siebzigsten Mal. Die Volksabstimmung, an der zum ersten Mal auch die Italienerinnen teilnahmen, markierte die Gründung der demokratischen Republik Italien. In der gleichen Abstimmung wählten die Italiener ihre Vertreter in der Versammlung, die dem neuen Staat eine Verfassung geben sollte. Diese tagte ab Juni 1946 bis Dezember 1947. Die neue Verfassung trat am ersten Januar 1948 in Kraft.

Man könnte meinen, bei so gewichtigen Anlässen würden die Schaufenster der italienischen Buchhandlungen nur so platzen von Büchern über die Gründung der Republik, ihre Verfassung, und wie es zu beiden kam; dass sich die Kulturseiten der Zeitungen in Rezensionen derselbigen Bücher überschlagen müssten. Aber in Italien ticken die Uhren anders, sagt Aureliana Sorrento.

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Beide Jahrestage wären Anlässe nicht nur zum Feiern, sondern zur Selbstreflexion des Landes. Denn die Frauen und Männer, die zwischen Juni 1946 und Dezember 1947 an der Verfassung der neuen Republik schrieben, hatten den Faschismus hinter sich. Deshalb nahmen sie sich einen Verfassungstext vor, der das erneute Aufkommen einer Diktatur verhindern würde. Viele von ihnen hatten in der Resistenza gekämpft, dem Widerstandskampf gegen heimische Faschisten und deutsche Besatzer. Für sie war die demokratische Verfassung ein Lebensziel.

Italien war bis 1943 Hitlers Bündnispartner gewesen. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien im Juli 1943, dem Sturz Mussolinis, seiner Verhaftung und dem Waffenstillstand, den König Vittorio Emanuele III. mit den Alliierten abschloss, besetzten deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien. Sie befreiten den Duce und installierten ihn an die Spitze einer Marionettenrepublik mit Sitz in Salò am Gardasee. Da schlug die Stunde der Antifaschisten. Aus dem Exil zurück oder aus den faschistischen Gefängnissen freigekommen, schlossen sich die Anführer der antifaschistischen Parteien in einem Nationalen Befreiungskomitee zusammen und organisierten den Widerstand gegen Besatzer und Kollaborateure. Den 200.000 Frauen und Männern, die in der Resistenza kämpften, gelang es, Ende April 1945 Genua, Turin und Mailand aus eigener Kraft zu befreien. Dafür wurde aber ein hoher Blutzoll gezahlt. Faschisten und deutsche Soldaten folterten und töteten jeden Widerstandskämpfer, den sie gefangen nahmen; als Vergeltungsmaßnahme verübten sie Massaker an der Bevölkerung.

In der verfassunggebenden Versammlung saßen Vertreter aller Parteien des Nationalen Befreiungskomitees: Kommunisten, Sozialisten, Sozialliberale, Christdemokraten und Liberale. Das Resultat ihrer Zusammenarbeit war die progressivste Verfassung Europas. Sie sieht eine strikte Trennung der Gewalten und das Primat des Parlaments über die Exekutive vor und erkennt den Bürgern sowohl liberale als auch soziale Rechte zu.

Diese Verfassung sollte man verwirklichen, statt sie zu zerstören, schreibt Salvatore Settis in seinem bei Einaudi erschienenen Pamphlet „Verfassung! Warum man sie nicht ändern, sondern umsetzen muss“. Denn die italienische Regierungen nach 1948 haben sich einen Kehricht um die verfassungsmässigen Bürgerrechte geschert. Nun will Premier Matteo Renzi die Verfassung ändern. Im Dezember müssen die Italiener über seine vom Parlament schon bewilligte Verfassungsreform in einem Referendum entscheiden. Verfassungsrechtler und Intellektuelle sind in großer Mehrheit gegen die Reform – bis auf den Philosophen Massimo Cacciari. Der meint, die Reform sei Mist, würde aber wenigstens etwas ändern.

Der Kunstwissenschaftler und Jurist Salvatore Settis hat Renzis Verfassungsreform auseinandergenommen. In Kombination mit dem neuen Wahlgesetz würde sie einer einzigen Partei, also dem von ihr gestellten Regierungschef eine quasi absolute Macht verleihen und das Parlament entmachten, erklärt er.

Derselben Meinung sind die Veteranen der Resistenza. Der Partisanen-Verband Anpi läuft gegen die Reform Sturm. Die Änderungen widersprächen dem Geist der Verfassung, für welche sie gekämpft hätten, protestieren sie. Sie öffneten einer autoritärer Umgestaltung des Staates Tür und Tor. Maria Elena Boschi, Renzis „Ministerin für Reformen“, konterte: „Ein wahrer Partisan ist für die Verfassungsreform“.

Ist solche ministeriale Ignoranz vielleicht dem Umstand geschuldet, dass Italien mit dem Faschismus und seinen Verbrechen nie abgerechnet hat? Zuletzt haben kleine und große italienische Verlage etliche Bücher über Faschismus, Resistenza und Republikgründung veröffentlicht. Aber in den Zeitungen ist hie und da höchstens eine Rezension erschienen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Thematik ist in den tonangebenden Medien ausgeblieben. Die Gründe für das beharrliche Schweigen lassen einige der Bücher erahnen, die gerade erschienen sind.

Max Salvadori schrieb seine Kurzgeschichte der Resistenza unmittelbar nach dem Krieg. Der Band, zum ersten Mal 1955 veröffentlicht, wurde vom Neri Pozza Verlag heuer neu aufgelegt. Britischer Offizier italienischer Abstammung, war Max Salvadori der hauptsächliche Verbindungsmann zwischen den Alliierten und der Resistenza. Er erlebte die Befreiung Italiens Seite an Seite mit den Partisanen. In seiner Kurzgeschichte macht er unumwunden klar, dass die Resistenza kein Befreiungskrieg eines ganzen Volkes, sondern ein Bürgerkrieg zwischen Faschisten und Antifaschisten gewesen sei. Die Partisanen, deren Generosität und moralische Größe er in den höchsten Tönen preist, seien eine edle Minderheit gewesen. Die Mehrheit der italienischen Bevölkerung war hingegen Mussolini bei jeder Schandtat gefolgt – nicht aus Glauben in die faschistische Ideologie, sondern aus Opportunismus. Ebenfalls aus Opportunismus hätten die Krone, die Oligarchie und der Klerus den Faschismus unterstützt. Nach dem Krieg musste Salvadori mit Bedauern feststellen, dass letztere zwei Mitläufer die Macht wieder an sich gerissen hatten. 1974, im Vorwort zur zweiten Ausgabe der Kurzgeschichte der Resistenza, schrieb er:

Zitat

Die Widerstandskämpfer der Jahre 1943-1945 waren zu wenige, um den Rest der Nation mitzureißen. Bei allen Unterschieden zwischen den Regionen und den sozialen Schichten herrschen jene vor, die keinen Sinn für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit haben; denen Autoritarismus, Hierarchie, private und öffentliche Korruption genehm sind. Denn Korruption erlaubt es den Untertanen, sich selbst im despotischsten System gemütlich einzurichten. Sehr verbreitet sind immer noch die Arroganz der Höhergestellten, die Unterwürfigkeit der Tiefergestellten und die Heuchelei der einen und der anderen.

Autorin

Zeilen, die die italienische Gesellschaft heute noch am Besten beschreiben. Aktuellere Bücher, etwa Filippo Focardis „Der böse Deutsche und der gute Italiener“ und Cecilia Nubolas „Faschistinnen von Salò. Eine juristische Geschichte“ gehen der Nicht-Aufarbeitung des Faschismus auf den Grund. Nubola zeigt, dass nach dem Krieg kaum ein Faschist oder eine Faschistin für Kriegsverbrechen büßen musste: Dank einer Reihe von Amnestien kamen fast alle Verurteilten nach wenigen Monaten frei. Focardi erklärt, warum ausgerechnet antifaschistische Regierungen solche Amnestiegesetze erliessen. Zum einen, um „das Land zu versöhnen“, wie sie sagten. Aber vor allem wollten sie vermeiden, dass Italien allzu harte Friedensbedingungen aufgezwungen wurden. Zu diesem Zweck wurde der Mythos der Resistenza als patriotischer Befreiungskrieg kreiert: Man tat so, als hätten nicht 200.000 demokratisch gesinnte Partisanen, sondern alle Italiener nach 1943 gegen die Nazifaschisten gekämpft – und damit bewiesen, dass sie keine willigen Mitläufer, sondern Opfer des Faschismus gewesen waren. Zum gleichen Zweck wurde das Klischee des „bösen Deutschen“ aus der Taufe gehoben: Der ideologietrunkene und blind gehorchende deutsche Soldat sollte als Konterpart des „guten Italienischen Soldaten“ dienen, der auch im Krieg seine Menschlichkeit bewahrt hätte. In der Tat hatten italienische Offiziere in Jugoslawien Juden und Serben vor Deutschen und Ustascha gerettet. Aber auch die italienische Armee hatte in Afrika, Jugoslawien und Griechenland Kriegsverbrechen begangen. Sie wurden unter den Teppich gekehrt, die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen.

Focardi schließt seine Abhandlung mit der Aufforderung ab, Italien möge sich endlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Aber es hat nicht den Anschein, als wäre die italienische Gesellschaft dazu bereit. Denn bis heute gibt es in den Medien gerade zu den Jubiläen keine öffentliche Diskussion darüber.

„Die Intelligenz der Pflanzen“, Schlaues Grünzeug

Evolutionstechnisch sind Pflanzen die erfolgreichsten Lebewesen. Sie könnten auch ohne Menschen leben, wir aber nicht ohne sie. Wenn der Mensch aussterben würde – Pflanzen hätten den Lebensraum in ein paar Jahren zurückerobert. Solche simplen, doch bedenkenswerten Fakten offenbart das Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ des Biologen Stefano Mancuso und der Journalistin Alessandra Viola.

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Kleines Meerstück und Romàns“ von Pier Paolo Pasolini, Deutschlandfunk 07.01.2016

Geschichte aller Bergarbeiter- Familien Lothringens, Deutschlandfunk

Anfangs ist dieses Buch verwirrend. Die Geschichte entwickelt sich in kurzen Kapiteln, durch Zeitsprünge und Perspektivenwechsel. Filippettis Prosa scheint fernen Stimmen nachzujagen, die durch jene einer allwissenden Erzählerin widerhallen. Gedächtnissplitter werden da aneinandergelegt. Schwer auszumachen, wem die Erinnerungen gehören, aus wessen Blickpunkt das Geschehen gerade erzählt wird. Kennt man die Eckdaten von Filippettis Biografie, erkennt man in manchen Figuren Familienmitglieder der Autorin. Aber selten werden sie mit ihren Namen genannt, und wenn, dann nur mit den Vornamen. Meist bezeichnet die Autorin ihre Figuren einfach mit Pronomen: „Er“, „Sie“; häufig ist es von einem unbestimmten „Sie“ die Rede – Plural.

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„Der Aufstand“ von Franco Berardi. „Demokratie als solche spielt keine Rolle mehr“, Deutschlandfunk, 16.04.2015

Der Finanzkapitalismus hat endgültig gesiegt und eine Finanzdiktatur errichtet, deren Zerstörungskraft an die von Kriegen heranreicht. So lautete bereits 2011 der niederschmetternde Befund von Franco Berardi in seinem Essay „Der Aufstand“. Zu den Schuldigen an dieser Entwicklung zählt der italienische Philosoph auch das Internet.

Franco Berardi: „Was ist denn der Finanzkapitalismus? Wertakkumulation ohne Produktion. Eine Geldvermehrung, die allein durch Geldzirkulation zustande kommt, ohne dass das Geld über den Umweg der Realwirtschaft und der Produktion geleitet werden müsste.“

Profite werden nicht mehr durch die Herstellung von Gebrauchsgütern generiert, sondern einfach durch Geldwert, der sich selbst reproduziert. In die Sprache der Semiotik übersetzt heißt das, dass sich der monetäre Signifikant seiner Funktion der Referenz auf reale Dinge entledigt hat.

Darin sieht Berardi den Höhepunkt eines Abstraktionsprozesses, der im 20. Jahrhundert gelaufen ist und alle Lebensbereiche erfasst hat. Dessen Keimzelle macht er interessanterweise nicht etwa in der Sphäre der Ökonomie aus, sondern in jener der Poesie: im französischen und russischen Symbolismus.

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Roman „Schwarze Seelen“, Irritierende Mythisierung archaischer Traditionen

Die abgelegenen Bergregionen Kalabriens bilden die Kulisse für Gioacchino Criacos Roman „Schwarze Seelen“. Dort beginnt die Verbrecherkarriere von drei Jugendlichen. Criacos gibt dabei einen Einblick in eine fremde, archaische Welt. Seltsam mutet dabei nur an, dass die in Kalabrien herrschende Verbrecherorganisation ‚Ndrangheta in einem seltsam milden Licht erscheint.

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Alltag im Kirchenstaat: Die kleine Welt des Vatikan, ein Buch von Aldo Maria Valli, Deutschlandfunk, 09.01.2015

Der katholische Kirchenstaat funktioniert nach ganz eigenen Regeln. Wer nicht gerade Vatikan-Korrespondent ist, dem bleibt dieser Kosmos verborgen. Einer dieser Berichterstatter, Aldo Maria Valli, hat seine Einblicke in die Beziehungsgeflechte und den Alltag der Kirchenoberhäupter aufgeschrieben. Jetzt ist sein Buch ins Deutsche übersetzt worden.

„In dieses Buch sind meine Erfahrungen aus vielen Jahren eingeflossen. Ich mache diesen Job schon lange, seit 1995. Über all die Jahre habe ich Leute kennengelernt und viele Orte gesehen, die dem Publikum unzugänglich sind. Das geschah immer zu beruflichen Anlässen. Der Vatikan ist eine extrem geschlossene Welt, die Schwierigkeiten hat mit der Außenwelt zu kommunizieren. Vor allem über ihre umstrittenen Seiten.“

Aldo Maria Valli, Vatikan-Korrespondent des italienischen Staatsfernsehens, hatte sich allerdings kein Buch über die „umstrittenen Seiten“ des Vatikan vorgenommen. Kein Enthüllungsbuch über die kirchlichen Finanzen à la „Vatikan AG“ von Gianluigi Nuzzi. Kein Skandalbuch über die ungeklärten Todes- und Entführungsfälle, die sich in der Vatikanstadt ereignet haben. Den „Schattenseiten des Vatikan“ hat er ein Kapitel gewidmet, aber sie stehen nicht im Zentrum seines Buches „Die kleine Welt des Vatikan“. Der Band ist vielmehr ein Vademecum des Alltags im Staat der Päpste, seiner

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Wahnsinn ist schuldlos, Deutschlandfunk, 22.07.2013

Der Roman von Ugo Riccarelli erzählt das Erwachsenwerden des Pflegers Beniamino: In einer Irrenanstalt in den Jahren unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Krieges in einer toskanischen Kleinstadt.

Jedes Mal, wenn ein Vogelschwarm am Himmel auffliegt, fixiert Fosco die Vögel und schwirrt, ihre Bewegungen nachahmend, mit ausgebreiteten Armen durch den Hof. Der Professor Cavani trägt ständig Homers Verse vor, während Giovanni in die Irrenanstalt eingesperrt wurde, weil er so inbrünstig an Gott glaubt, dass er dauernd mit ihm Gespräche führt. Irre bewohnen die „Residenz des Doktor Rattazzi“ und sie weisen alle ein besonderes Merkmal, ein charakteristisches Verhalten auf, das bei jedem ihrer Auftritte erwähnt wird, wie die Epitheta, die besonderen Attribute, die den Göttern und Helden in Homers Epen beigegeben sind. In der Tat scheinen Riccarellis Verrückte in ihrer Fantasiewelt von den anderen Erdbewohnern ebenso weit entfernt wie die Götter im Olymp. Vielleicht geht deshalb eine unheimliche Faszination von ihnen aus. Der Pfleger Beniamino spürte sie schon als Kind, als er durch die Lücke in der Mauer, die die Irrenanstalt vom Garten seines Elternhauses trennte, das enthemmte Treiben dieser Menschen im Hof beobachtete.

Ein Aufeinanderprallen plumper Körper, eine Kakophonie aus Tönen, die gleichwohl in ihrem aberwitzigen Zusammenklang ihre eigene Vernunft und eine Art Würde zu besitzen schien. Fast eine Art Schönheit.

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Gewaltige Ohrfeige von der Angebeteten. „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ von Christian Frascella, Deutschlandfunk, 07.09.2012

Aus der Ich-Perspektive schildert Autor Christian Frascella das Leben eines nicht gerade in glücklichen Umständen heranwachsenden Vorstadtitalieners. Realistisch ist Frascellas Erstlingswerk, nicht zuletzt durch eine direkte, rotzige Spreche, die bisweilen an den derben Jargon von Gassenjungen erinnert.

Wie lebt es sich als Teenager an der Peripherie einer italienischen Industriestadt? Wo es weder ein Kino noch ein Theater gibt und auch keinen richtigen Treffpunkt für Jugendliche? Nur einen kleinen Platz, an dem Jungs Joints rollen und Dosenbier kippen.

Die Szenerie, in der Christian Frascella seinen Debütroman „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ angesiedelt hat, ist ein Paradebeispiel für die Trostlosigkeit italienischer Vorstädte – nicht gerade Orte, die die beste Vorbedingungen für ein glückliches Heranwachsen bieten. Da passt die Kraftmeierei des 16-jährigen Protagonisten und Ich-Erzählers des Romans bestens ins Bild. Kein Zufall, dass wir ihn gleich zu Beginn in einer Schlägerei auf dem Schulhof verwickelt sehen. Wie auch, dass er wegen des Streits von der Schule suspendiert wird und beschließt, sie ganz abzubrechen. Denn welche Aussicht

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Monolog eines Irren / Ascanio Celestini: „Schwarzes Schaf“, Deutschlandfunk, 26.04.2012

Ascanio Celestini ist in Italien ein Star. Schauspieler, Theater- und Filmautor, wird er oft mit Dario Fo verglichen. Sicherlich wandelt das junge Multitalent auf den Fußstapfen des großen Komikers, der oft auch auf Historisches Bezug nimmt. Nun also: der Monolog eines Irren.

„Du bist der faule Apfel, dich kann man auf den Müll schmeißen. Du bist das schwarze Schaf, dir ist nicht zu helfen.“

So sagte die Lehrerin Nicola, und der Beschimpfung ist der Titel von Ascanio Celestinis Roman „Schwarzes Schaf. Nachruf auf die elektrische Irrenanstalt“ entliehen: der Monolog eines Irren, der sich zum Toten erklärt, um dem Leser sein früheres Leben zu erzählen – aus der Ferne, die den Toten eigen ist, und freilich auch den Verrückten gebührt.

„Ich bin dieses Jahr gestorben. Alle wollten dieses Jahr sterben. Wer bis heute gelebt hat, hat alles gesehen, was man sehen konnte. Er hat Hunde im Weltall gesehen, Menschen auf dem Mond und einen Roboter mit Rädern auf dem Mars. Er hat New York, London und Madrid in die Luft fliegen sehen, und nicht mehr nur Kabul und Bagdad. Er hat das Kinderüberraschungsei gesehen, das aus jedem Tag des Jahres ein ewiges Ostern macht.

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Die Münze von Akragas, ein Buch von Andrea Camilleri, WDR 3, Passagen

Autorin

Nicht um große Kapitale, um eine kleine Münze dreht sich hier alles. Sie ist nur 1,78 Gramm schwer, allerdings aus Gold und ganz hübsch verziert: Die eine Seite zeigt einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln und einen Hasen, die andere einen Krebs und einen Fisch. Auch hat das Goldstück eine tausendjährige Geschichte hinter sich, das seinen Wert ins Unermessliche steigert. Es wurde im Jahre 406 vor Christi Geburt im sizilianischen Akragas geprägt, um den Soldaten, die die Stadt verteidigten, ihren Sold zu zahlen. Akragas, das heutige Agrigent, wurde jedoch kurz darauf von den Karthagern vernichtet; die Eroberer metzelten 1500 Söldner nieder. Nur einer soll – zumindest in Camilleris Version der Geschichte – dem Massaker entkommen sein: Kalebas, dem es gelang, sich aus einem Leichenberg hinaus zu winden und in die unterirdischen Kanäle zu schleichen, die außerhalb der Stadtmauern führten. Als er aber mit dem linken Fuß aus dem Stollen ins Freie trat, wurde er von einer Viper gebissen und stürzte, nach drei Tagen Todeskampf, vom Felsvorsprung, an dem sich der Ausgang des Schachts befand. Aber davor schleuderte Kalebas die 38 Münzen seines Solds, die er in einem Säckchen trug, weit von sich.

So die Vorgeschichte der „Münze von Akragas“, die Andrea Camilleri im ersten, „Quasi eine Prämisse“ überschriebenen Kapitel seiner Erzählung darlegt. Und schon schwant es dem Leser: Ein Fluch liegt auf der Münze.

Die folgenden Kapitel bestätigen diese Annahme. 2315 Jahre liegt die Münze in der Erde. Als ein Landarbeiter sie aus einer Scholle ausgräbt, richtet die Münze Unheil an. Zumindest solange, bis sie Italiens König Vittorio Emanuele III. übergeben wird.

Ein Lustspiel, oder eine etwas ulkige Parabel auf die zerstörerische Macht des Finanzwesens? Die Frage ist nicht restlos zu beantworten. Denn Andrea Camilleri ist ein hintersinniger Autor, der sich ungern in die Karten schauen lässt. Dem anklagenden Fingerzeig zieht er die heitere Ironie vor, und Realitätsbezüge, ob auf die Gegenwart oder die Historie, versetzt er, augenzwinkernd freilich, in die Dunstzonen der Legende. So heißt sein Agrigent, hier wie in all seinen Werken, Girgenti, und wie Kommissar Montalbano aus Camilleris beliebter Krimi-Serie lebt die Hauptfigur von „Die Münze von Akragas“ in der fiktiven sizilianischen Kleinstadt Vigata. Dieser Doktor Stefano Gibilaro, Amtsarzt von Vigata teilt mit dem Kommissar nicht nur Wohnsitz und Alter – er ist nämlich gerade fünfzig geworden – sondern auch die altersgemäßen Schwächen:

Zitat

Er macht das Badezimmerfenster weit auf. Die Nacht ist sternenklar, aber kalt. Er betrachtet sich im Spiegel. Und erliegt vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben einem Anflug von Eitelkeit. Na ja, für einen Fünfzigjährigen sieht er gar nicht übel aus. Im Gegenteil. Er könnte sich gut und gerne ein paar Jährchen abziehen. Und als tüchtiger Arzt weiß er, dass seine inneren Organe alle noch in Ordnung sind, ganz ohne Zipperlein. Er stutzt sich mit der kleinen Schere ein wenig den Schnurrbart.

Autorin

Eine ehrliche Haut ist der Amtsarzt, und ein Musterbild des Pflichtgefühls. Die armen Landarbeiter, die wie Leibeigene für einen Hungerlohn auf den Feldern der Barone schuften, behandelt er gratis. Diesem Doktor, der auch ein leidenschaftlicher Numismatiker ist, gönnt der Leser gerne die rare Goldmünze. Der Landarbeiter Cosimo Cammarota, der sie im Boden gefunden hat, will sie ihm aus Dankbarkeit schenken. Doch bevor der Arzt in den Besitz der Münze kommt, wird Cammarota ermordet.

Es entspinnt sich ein Krimi, dessen Volten Andrea Camilleri mit dem ihm eigenen Humor erzählt. Der gescheite Arzt klärt den Mord sehr schnell auf, wenigstens für sich. Die eigentlichen Ermittlungen muss er aber den zuständigen Beamten überlassen und hat seine Liebe Mühe, sie auf die richtige Spur zu lenken. Abermals lässt sich Camilleri die Gelegenheit nicht entgehen, die Unbedarftheit von Gesetzeshütern und Bürokraten ironisch aufs Korn zu nehmen. Einmal führen die Polizisten einen geisteskranken und eines Mordes augenscheinlich unfähigen Jungen ab, ein andermal hindert sie der gellende Schrei einer Bäuerin im letzten Moment daran, ihre Haustür einzustoßen, um ihren längst verstorbenen Gatten zu verhaften. Und wenn sie endlich dem wahren Mörder auf der Spur sind, finden sie an seiner Stelle den verschreckten Liebhaber seiner Frau. Vorfälle, die Doktor Gibilaro auf seltsame Gedanken bringen:

Zitat

Mit alledem drückt die Münze ihren Wunsch aus, nicht wieder in der Welt zu erscheinen, sondern in jene Erde zurückzukehren, aus der man sie eines Tages geholt hat. Jedenfalls will sie niemals, aus keinem einzigen Grund, in seiner armseligen Sammlung enden. Es ist, als weigerte sich eine Kaiserin zu Recht, in einem elenden Loch zu hausen.

Autorin

Nachdem Mörder und Münze endlich gefunden worden sind, treten juristische Komplikationen auf. Wem gebührt die kostbare Münze, nachdem deren Entdecker gestorben ist? Mehrere melden Anspruch darauf. Schließlich löst eine mit allen Registern der Überzeugungskunst geführte Pressekampagne den Fall zugunsten des Doktors Gibilaro: eine wunderbare Satire über die Manipulationsmethoden der Medien, wie sie der Autor im heutigen Italien kennt. Dass dann die Münze von Akragas erst einmal Gibilaro zufällt, dass der edelmütige Amtsarzt  sie dann dem König schenkt, welcher sich mit Ehrungen und Wohltaten bedankt, kommt als Happy End nach der Formel erbaulicher Fabeln daher. Zwischen den Zeilen lässt sich aber auch ein Doppelsinn lesen: Geld muss stets im Kreislauf bleiben – um schließlich immer in Taschen zu landen, die bereits voll sind.

Liebe zur Dissonanz. Die Videokünstlerin Christine de La Garenne, Deutschlandradio Kultur/Profil

Erst seit anderthalb Jahren lebt Christine de La Garenne in Berlin. Dennoch gehört sie schon längst zu jener Elite junger Berliner Künstler, deren Werke weltweit gefragt sind. In ihren Videoarbeiten entlarvt sie Attribute wie Anmut und Harmonie und zeigt die schreckliche Seite des Schönen.

Von der viel befahrenen Straße, an der Christine de La Garenne wohnt, dringt kein Ton in ihr Atelier. Das Haus liegt im Hinterhof. Aus den Boxen schallen die schrillen Strophen eines Songs der Shaggs.

„Man nennt sie die schlechteste Rock-and-Roll-Band aller Zeiten, ich finde sie aber ziemlich gut. Es sind drei Schwestern. Interessant finde ich, dass sie eine ganz eigene Art von Musik entwickelt haben, die all die Dinge außer acht lässt, die in der Musik wichtig sind, Rhythmus zum Beispiel oder Zusammenspiel, das scheint nicht zu weit zu kommen, aber das hat eine eigene Qualität.“

Christine de La Garenne liebt Dissonanzen – zumal in der Kunst. Was man der zierlichen, feschen Person auf den ersten Blick vielleicht nicht zutrauen würde. Sie hat schwarzes schulterlanges Haar, fein geschnittene Gesichtszüge und braune Augen, in denen oftmals ein keckes Lächeln huscht. Es ist ihr aber ernst damit, wenn sie die Erwartungen unterläuft, die meist an das Kunstwerk herangetragen werden: Schönheit? Harmonie? In ihrer neuesten Arbeit, „Heute Formalismus“, zeigt Christine de La Garenne, wie einfach die beliebten Kunst-Attribute zu haben sind – und wie beliebig! Über eine schwarze Leinwand bewegen ihre Hände regenbogenfarbig leuchtende Stäbchen und fügen sie zu geometrischen Formen zusammen.

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Über das Stück „Verstörung“ von Falk Richter, WDR3/ Resonanzen

Autorin

Ich bin dann vor die Kamera gegangen. Ich habe von mir erzählt. Und ich hatte das erste mal in meinem Leben ein Gefühl. Wirklich. Live. Zu. Sein.“ So sprach 1996 die Protagonistin von Falk Richters Stück-Trilogie “Kult“: eine Fernsehmoderatorin, die labil hin und her schlitterte zwischen Selbstentblößung und Sätzen aus der Medienunterhaltungsmülltüte. Ihre Identität: eine Konstruktion, von der Kameraeinstellung abhängig und stets einstürzgefährdet. Ihr Leben: pure Virtualität. Fiktion, mit Einsprengseln eines Ichs befleckt, das hie und da an der Borderline auftaucht. Es waren die Neunziger, und der damalige Jungdramatiker Falk Richter brachte das Lebensgefühl einer Generation zu Protokoll, die auf der überquellenden, sich täglich reproduzierenden Halde der Medienbilder schlingernd nach einem möglichen Selbstbild suchte. Und deren größter Selbstbehauptungsakt darin bestand, der Medienindustrie das eigene Leben als Kunstwerk zu verkaufen, so Falk Richter:

O-Ton, Track 68

… selbst verantwortlich zu arbeiten und eher den Weg ins Künstlertum zu gehen, daß sie sich selber als Kunstwerk vermarkten. Die Figuren waren letztlich immer im kapitalistischen Markt so vernetzt, und hatten das Problem, daß sie sich selbst als Produkt und als Ware benutzen und trotzdem versuchen, authentisch zu sein, echte Gefühle zu erleben, gleichzeitig merken, daß diese Gefühle von etwas ausgeflippteren Menschen genau das sind, was wieder gewollt ist von den Medien…

Autorin

2005, vorbei sind die Zeiten des Medienhypes und der blühenden dot.com-Landschaften, Falk Richter inszeniert sein jüngstes Stück, “Verstörung“ an der Berliner Schaubühne, und das Leben ist nicht mehr virtuell, sondern in der Angst um den Arbeitsplatz eingefroren. Gefühle? Auch die sind keine brauchbaren Waren mehr, sondern bloß eine Atemwolke, die man aushaucht in die klirrende Kälte, sichtbar nur sekundenlang. Weihnachten naht, ein Berliner Weihnachten, die Temperaturen sinken, und das Datum der Premiere scheint gewählt worden zu sein, damit die Verflechtung verschiedener Realitäts- und Fiktionsebenen, die in Richters Theater mal wieder zu besichtigen ist, sich leichter auf den außertheatralischen Raum übertragen läßt. Denn “Verstörung“ spielt in einer frostigen Weihnachtsnacht. Irgendwo im großkoalitionären Deutschland post Harz IV. Kinder werden am Flughafen vergessen, Alte warten im Pflegeheim auf den Anruf ihrer erwachsenen Söhne. Ein Junge – ein gestrandeter Schauspieler vielleicht – bibbert vor Kälte, weil die Heizung nicht mehr zur Grundausstattung einer Wohnung gehört. Unablässig werden Unfälle gemeldet. Und Einsame, die in einer Klinik Zuflucht suchen, wirft die Stationsärztin wie Ballast hinaus.

O-Ton, Track 22

Es ist jetzt in diesem Stück wirklich jeder für sich alleine verantwortlich, es sind alle Grundvereinbarungen von Solidarität und Miteinander, und daß man aufeiander aufpaßt, auch in der Familie außer Kraft gesetzt und jetzt ist wirklich jeder ein Einzelkämpfer geworden.

Autorin

Tatsächlich: Lauter Einzelkämpfer, seelisch Verkrüppelte sind die Figuren. Sie bringen den größten anzunehmenden menschlichen Unfall über die Bühne: Sie, die alle zwischenmenschlichen Verbindungen zugunsten von Job, Selbstverwirklichung und Erfolg auf Eis gelegt haben, verwandeln sich auf einmal in Liebeshäscher, die verzweifelt nach Nähe grapschen. Freilich vergeblich.

O-Ton, Track 26

Ich denke, daß diese Szenen und die Verhältnisse unten den Menschen in meinem Stück schon was treffen im Moment, eine Welt, in der jeder // sehr egoistisch ist, auch das wird immer wieder gefördert im Moment, daß man egoistisch sein muß, um überhaupt zu überleben, die, die eine gewisse Weichheit zeigen, die fallen durchs Raster, und es wird etwas brutaler und härter im Umgang miteinander in unserer Gesellschaft.

Autorin

Schon in Richters Stück “Unter Eis“, das er vergangenes Jahr an der Berliner Schaubühne zur Uraufführung brachte, lagen alle menschlichen Regungen kältestarr zwischen den Zeilen. Die moderne Arbeitswelt, die der Regisseur und Dramatiker dort auf ihre ideologischen Prämissen hin untersuchte, verlangt permanente Effizienz, Profit- und Leistungsmaximierung. Emotionale Störungen, die sich der unternehmerischen ratio entgegenstellen, sind darin unerwünscht, ebenso wie die Leistungsschwächeren, die dem Wirtschaftskreislauf nicht dienen und deshalb auf schnellstem Wege wegrationalisiert werden müssen. Auch wenn es niemand zugeben mag, “Homo homini lupus“ lautet das einzig gültige Gesetz im System, das unsere Lebenswelt in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ausmacht. So Falk Richters Diagnose. In der Stück-Reihe “Das System“, der auch “Unter Eis“ angehört, hat er das große undurchschaubare Ganze auf die drei Subsysteme Medien, Krieg und den politisch-ökonomischen Zusammenhang zurückgeführt. Und festgestellt, daß sie mittlerweile nicht mehr steuerbar sind.

O-Ton Track 30// Track 21

In meinem Stück “Unter Eis“ habe ich im Grunde sowas beschrieben, daß eine Gesellschaft oder der gesamte Westen aber auch die neuen Länder, die in diesem neuen Kapitalismus mitmachen wollen, sich nur noch darum bemühen, effizient zu sein, auf dem Weltmarkt zu bestehen und dabei unheimlich viel über Bord schmeißen. Alle Gesellschaften oder Staaten verschlanken sich im gewissen Sinne, bauen soziale Netze ab und versuchen auch dadurch auf dem Weltmarkt mitzuhalten. Es ist auch so, daß es keinen Ort mehr in der Gesellschaft gibt, der nicht davon ergriffen ist. Vielleicht ist der Bogen von Unter Eis zu dem Stück Verstörung, daß was in dem Stück “Unter Eis“ auf der Wirtschaftsideologieebene verhandelt wird, und theoretisch verhandelt wird, plötzlich bei jedem Einzelnen und jedem Menschen angekommen ist.

Autorin

Das heißt: Wir stecken alle im System und das System steckt in uns. Es gibt kein Entrinnen. Es sei denn vielleicht, wir werden der Tatsachen gewahr. Im Theater oder sonstwo.

 

„Innen Stadt Außen“, eine Ausstellung von Olafur Eliasson im Berliner Martin-Gropius Bau , WDR 3/Resonanzen

Atmo: Stadtrauschen / Vogelgezwitscher

Autorin

Was wäre, wenn man von dem graublaustichigen Berliner Licht in Nebelschwaden geriete, die vom Rot ins Blau, Grün und Gelb wechselten? Oder in ein Spiegelkabinett, dessen eine Spiegelwand so wogt, dass es einem schwindlig wird? Wenn man seinen Schatten fünf- oder siebenfach und verschiedenfarbig sähe? Gewiss würde man an seinen Sinnen, oder wenigstens an seiner Sehkraft zweifeln. Das genau ist die Absicht bei den Arbeiten Olafur Eliassons, und nicht nur bei jenen, die jetzt im Berliner Martin-Gropius Bau zu besichtigen, besser gesagt: zu erleben sind. Die Wahrnehmung des Betrachters, das Sehen, ist für den Künstler – so seine Worte – kein naturgegebenes Faktum, sondern eine kulturelle Entwicklung. Ich sehe, also bin ich aktiv, ich wirke auf das Außen, ich schaffe das Außen ­– so lautet sein Postulat. Ebenso wie seine Vorstellung von Zeit als Dauer, die dem Subjekt innewohnt. Schlüsse, die er aus der Lektüre des Philosophen Bergson zieht. Womit Eliasson die Idee verknüpft…

O-Ton 1

… dass Dauer noch produktiv sein kann. Wir bewegen uns in einem Raum, oder in einer Gesellschaft, die sich hauptsächlich, die drei Dimensionen dominierend sind. Die Zeit ist zwar noch da, aber sie ist tendenziell weniger produktiv als der Raum in sich. Besonders wenn es um Kommerz geht, weil es als kritische Komponente gesehen wird. // Natürlich hat die Zeit auch den Vorteil, dass es auch das Veränderliche, das Vielfältige oder Unvorhersehbare zulässt.

Autorin

Insofern ist Zeit auch in politischer Hinsicht ein Wert, der unserer Gesellschaft abhanden gekommen ist. Eliassons Anspruch, dem Betrachter seine subjektive Wahrnehmung bewusst zu machen, geht mit jenem einher, einen öffentlichen Raum zu schaffen, der wirklich demokratisch ist. Was der Künstler am Beispiel eines Parks veranschaulicht, den er im Auftrag der Stadt Berlin umgestalten musste. Zunächst lief er durch den Park und machte Alltagsbeobachtungen. Er betrachtete, wie eine Dame mit Hund an ihm vorbeiging, und stellte dabei fest, dass seine und ihre Zeit offensichtlich verschieden waren.

O-Ton 2

Wie schaffen wir einen tatsächlich öffentlichen, einigermaßen freien Raum, diesen nicht-normativen Raum?// Wären die Benutzer des Parks die Träger der Zeit, dann könnte man den Park andersrum gestalten und nicht so, als würden wir ein Bild, eine repräsentative Idee von oben nach unten in die Stadt aufdrücken. // Vielleicht schaffen wir eine Art der Entwicklung von einem Projekt, in der die Teilnahme der Zeit/ die Idee der Öffentlichkeit selber mitproduziert.

Autorin

Man hat Olafur Eliasson Wahrnehmungskünstler, Wissenschaftler, Phänomenologe genannt. Aber das Verhältnis von Raum und Zeit ist für Eliasson, von der Theorie abgesehen, auch eine konkrete Erfahrung, die er in der isländischen Landschaft gemacht hat. Dort, erklärt er, lassen sich die Größen von Bergen und Wasserfällen an der Zeit messen, die man braucht, um sich ihnen zu nähern. In Kopenhagen geboren, aber isländischer Herkunft, nimmt Eliasson immer wieder auf die Natur der Insel Bezug. Auf Island, sagt er, gebe es keine Bäume, doch finde man am Strand immer wieder Baumstämme, die Meeresströmungen aus Sibirien angeschwemmt haben. 50 Tonnen dieser Baumstämme hat Eliasson nach Berlin transportieren lassen und über die Stadt verteilt.

O-Ton 3

Das sieht genauso aus wie in Island. Nur dass hier schon Bäume sind. Aber hier ist halt kein Meer, Eismeer erst gar nicht. Die sind so platziert, als wäre eine Strömung durch die Stadt gegangen, und da sind sie halt hängen geblieben in der Stadt.

Autorin

Ebenso wie andere Objekte, die Eliasson über die Stadt verstreut hat, sind die Stämme Teil der Ausstellung „Innen Stadt Außen“. Manche Berliner haben sie verstört angeguckt, andere haben sich darauf gesetzt, als wären es Bänke. Ob sie jemand als Sinnbild jenes Zeitstroms wahrgenommen hat, der Dinge, Natur, Städte und Menschen verändert?