Texte und Radio-Beiträge – eine Auswahl
Hinter den Türen der Villa. Deutsche Kunstförderung im Ausland
Deutschlandfunk 2022
Die Villa Massimo in Rom ist ein Ort, dessen Name besonders in den Ohren deutscher Kunstschaffender verheißungsvoll klingt. Seit über 100 Jahren werden sie hierher eingeladen, um in idyllischer Atmosphäre ihrer Arbeit nachzugehen. Aber was genau verbirgt sich hinter den Mauern des Anwesens?
Eine ockerfarbene, drei Meter hohe Mauer und ein zackenbewehrtes Eisentor trennen das Gelände der Villa Massimo vom restlichen Quartiere Nomentano, einem Wohnviertel im Norden von Rom. „Deutsche Akademie Villa Massimo“ steht auf einer Tafel links neben dem Tor. Heute befinden sich die meisten Villen im Besitz der Stadt, weshalb deren Parks öffentlich zugänglich sind. Die Villa Massimo aber ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Und wer das Eisentor passieren darf, gehört meist zur Crème de la Crème der deutschen Kulturelite…
Wo bleibt der Körper in der neunen Medienkunst?
SRF 2011
Als Marshall McLuhan 1964 seine bahnbrechende Medientheorie veröffentlichte, prophezeite er die Entgrenzung des Körpers durch neue Technologien: neue Medien würden das Bewusstsein erweitern.
Heute, im Zeitalter von Google & Co., sind längst auch die fragwürdigen Aspekte dieser angeblichen Entgrenzung überdeutlich.
Aber wo bleibt der ganz reale Körper des Menschen im digitalen Zeitalter? Das ist eine der Fragen, mit der sich Medienkünstler neuerdings befassen, wie Aureliana Sorrento in ihrem Beitrag zeigt.
Innen Stadt Außen. Eine Ausstellung von Olafur Eliasson im Berliner Martin-Gropius Bau
WDR3 Resonanzen
Atmo: Stadtrauschen / Vogelgezwitscher
Autorin
Was wäre, wenn man von dem graublaustichigen Berliner Licht in Nebelschwaden geriete, die vom Rot ins Blau, Grün und Gelb wechselten? Oder in ein Spiegelkabinett, dessen eine Spiegelwand so wogt, dass es einem schwindlig wird? Wenn man seinen Schatten fünf- oder siebenfach und verschiedenfarbig sähe? Gewiss würde man an seinen Sinnen, oder wenigstens an seiner Sehkraft zweifeln. Das genau ist die Absicht bei den Arbeiten Olafur Eliassons, und nicht nur bei jenen, die jetzt im Berliner Martin-Gropius Bau zu besichtigen, besser gesagt: zu erleben sind. Die Wahrnehmung des Betrachters, das Sehen, ist für den Künstler – so seine Worte – kein naturgegebenes Faktum, sondern eine kulturelle Entwicklung. Ich sehe, also bin ich aktiv, ich wirke auf das Außen, ich schaffe das Außen – so lautet sein Postulat. Ebenso wie seine Vorstellung von Zeit als Dauer, die dem Subjekt innewohnt. Schlüsse, die er aus der Lektüre des Philosophen Bergson zieht. Womit Eliasson die Idee verknüpft…
O-Ton 1
… dass Dauer noch produktiv sein kann. Wir bewegen uns in einem Raum, oder in einer Gesellschaft, die sich hauptsächlich, die drei Dimensionen dominierend sind. Die Zeit ist zwar noch da, aber sie ist tendenziell weniger produktiv als der Raum in sich. Besonders wenn es um Kommerz geht, weil es als kritische Komponente gesehen wird. // Natürlich hat die Zeit auch den Vorteil, dass es auch das Veränderliche, das Vielfältige oder Unvorhersehbare zulässt.
Autorin
Insofern ist Zeit auch in politischer Hinsicht ein Wert, der unserer Gesellschaft abhanden gekommen ist. Eliassons Anspruch, dem Betrachter seine subjektive Wahrnehmung bewusst zu machen, geht mit jenem einher, einen öffentlichen Raum zu schaffen, der wirklich demokratisch ist. Was der Künstler am Beispiel eines Parks veranschaulicht, den er im Auftrag der Stadt Berlin umgestalten musste. Zunächst lief er durch den Park und machte Alltagsbeobachtungen. Er betrachtete, wie eine Dame mit Hund an ihm vorbeiging, und stellte dabei fest, dass seine und ihre Zeit offensichtlich verschieden waren.
O-Ton 2
Wie schaffen wir einen tatsächlich öffentlichen, einigermaßen freien Raum, diesen nicht-normativen Raum?// Wären die Benutzer des Parks die Träger der Zeit, dann könnte man den Park andersrum gestalten und nicht so, als würden wir ein Bild, eine repräsentative Idee von oben nach unten in die Stadt aufdrücken. // Vielleicht schaffen wir eine Art der Entwicklung von einem Projekt, in der die Teilnahme der Zeit/ die Idee der Öffentlichkeit selber mitproduziert.
Autorin
Man hat Olafur Eliasson Wahrnehmungskünstler, Wissenschaftler, Phänomenologe genannt. Aber das Verhältnis von Raum und Zeit ist für Eliasson, von der Theorie abgesehen, auch eine konkrete Erfahrung, die er in der isländischen Landschaft gemacht hat. Dort, erklärt er, lassen sich die Größen von Bergen und Wasserfällen an der Zeit messen, die man braucht, um sich ihnen zu nähern. In Kopenhagen geboren, aber isländischer Herkunft, nimmt Eliasson immer wieder auf die Natur der Insel Bezug. Auf Island, sagt er, gebe es keine Bäume, doch finde man am Strand immer wieder Baumstämme, die Meeresströmungen aus Sibirien angeschwemmt haben. 50 Tonnen dieser Baumstämme hat Eliasson nach Berlin transportieren lassen und über die Stadt verteilt.
O-Ton 3
Das sieht genauso aus wie in Island. Nur dass hier schon Bäume sind. Aber hier ist halt kein Meer, Eismeer erst gar nicht. Die sind so platziert, als wäre eine Strömung durch die Stadt gegangen, und da sind sie halt hängen geblieben in der Stadt.
Autorin
Ebenso wie andere Objekte, die Eliasson über die Stadt verstreut hat, sind die Stämme Teil der Ausstellung „Innen Stadt Außen“. Manche Berliner haben sie verstört angeguckt, andere haben sich darauf gesetzt, als wären es Bänke. Ob sie jemand als Sinnbild jenes Zeitstroms wahrgenommen hat, der Dinge, Natur, Städte und Menschen verändert?
Representing mobilities. An Interview with Marina Sorbello and Antje Weitzel by Aureliana Sorrento.
Katalog „Transient spaces“, August 2010
Aureliana Sorrento: “The tourist syndrome” is a term coined by Zygmunt Bauman. For him, the tourist, who happens to be ‘in’ a place without being ‘of’ that place, is a metaphor for contemporary life. We are all tourists in the sense that we all live in a kind of transit space, transit time: jobs, places, friendships, and partnerships today are provisional, precarious, and episodic. The contemporary individual wanders from one experience to another, from one situation to another, from one thrill to the next – a consumer of experi- ences. To this figure Bauman opposes that of the vagabond, whose nomadic life is not of his choice, but rather a con- sequence of poverty, unemployment, and homelessness, say, of the exclusion from the consumer society. The project Transient Spaces – The Tourist Syn- drome moves between these two poles, focusing on the phenomenon of tourism on the one hand and on current migration dynamics on the other. How much have Bauman’s theories shaped the project?
Marina Sorbello / Antje Weitzel: We borrowed the definition from Zygmunt Bauman for the title of our pro- ject. His theories about contemporary life, and what he calls “liquid society” in particular, are helpful when considering many aspects of our current, western lives, such as the way we relate to our environment; how we consume places; the urge to consume in general and how “consuming” and “being” overlap. In recent years, due to European Union enlargement, significant changes have occurred in the distribution of the European population across the continent, in tour- ists’ routes and the circulation of people. The United Kingdom has become home to over one million young Polish people seeking a better life and better working conditions abroad, yet still influencing politics within Poland with their votes. Ireland hosts the biggest Lithuan- ian community outside Lithuania. Eastern European women took over the care of the elderly in countries such as Italy, Austria, and Germany. Dispersed peoples – formerly separated from their homelands by oceans and by political barriers – increasingly find themselves in border relations with “the old country” thanks to a to-and-fro movement made possible by modern technologies. Aircraft, telecommunications, the Internet, and mobile job markets effectively reduce distances and facilitate two-way traffic – legal and illegal, formal and informal – across global locations. Low-cost air- lines and affordable, capillary land transportation connect places, allowing an increasing number of people to travel for work and for leisure.
For Bauman, “liquid modernity” differs from the traditional society of “solid modernity” in the sense of its extreme flexibility and mobility and non-committal attitude – that of tourists shipped to a location for a per- iod of time. Bauman uses tourism as a metaphor for contemporary life in western societies, where, as we all know, transformation, precariousness, and states of becoming are the social realities we have to deal with. The interview with Zygmunt Bauman by Adrian Franklin, reproduced in this book (pp. 8–15), has been for us a source of inspiration and reflection. In the course of this two-year project we researched further and encountered many other theories, views, and inspira- tional sources that also consistently gave shape to the project, along with the constant dialogue and exchange with the artists. The fact that we worked with different formats, media, and disciplines has enriched the pro- ject a great deal.
AS: So how did the project Transient Spaces – The Tourist Syndrome come about?
MS / AW: We came up with the idea – inevitably – while traveling, out of self-observation, out of the question of whether we both are perpetual migrant laborers, and at the same time tourists, because of the superficial way we happen to “consume” places during our short work journeys. Basically, the consideration behind this is how the paradigm of mobility alters and controls our lives today, and how, in the context of global socio- economic development, new forms of work, free time, and retirement, or rather, “post-employment” life, emerge and are constructed.
Of course one can say that migration flows have always existed. Just as there have already been a variety of exhibitions and research on migration and tourism as separate phenomena. What was interesting for us in particular was to compare and examine these two seemingly opposite forms of movements – migration and tourism – how they are related and interdependent…
Liebe zur Dissonanz. Die Videokünstlerin Christine de La Garenne
Deutschlandradio Kultur – Profil
Erst seit anderthalb Jahren lebt Christine de La Garenne in Berlin. Dennoch gehört sie schon längst zu jener Elite junger Berliner Künstler, deren Werke weltweit gefragt sind. In ihren Videoarbeiten entlarvt sie Attribute wie Anmut und Harmonie und zeigt die schreckliche Seite des Schönen.
Von der viel befahrenen Straße, an der Christine de La Garenne wohnt, dringt kein Ton in ihr Atelier. Das Haus liegt im Hinterhof. Aus den Boxen schallen die schrillen Strophen eines Songs der Shaggs.
„Man nennt sie die schlechteste Rock-and-Roll-Band aller Zeiten, ich finde sie aber ziemlich gut. Es sind drei Schwestern. Interessant finde ich, dass sie eine ganz eigene Art von Musik entwickelt haben, die all die Dinge außer acht lässt, die in der Musik wichtig sind, Rhythmus zum Beispiel oder Zusammenspiel, das scheint nicht zu weit zu kommen, aber das hat eine eigene Qualität.“
Christine de La Garenne liebt Dissonanzen – zumal in der Kunst. Was man der zierlichen, feschen Person auf den ersten Blick vielleicht nicht zutrauen würde. Sie hat schwarzes schulterlanges Haar, fein geschnittene Gesichtszüge und braune Augen, in denen oftmals ein keckes Lächeln huscht. Es ist ihr aber ernst damit, wenn sie die Erwartungen unterläuft, die meist an das Kunstwerk herangetragen werden: Schönheit? Harmonie? In ihrer neuesten Arbeit, „Heute Formalismus“, zeigt Christine de La Garenne, wie einfach die beliebten Kunst-Attribute zu haben sind – und wie beliebig! Über eine schwarze Leinwand bewegen ihre Hände regenbogenfarbig leuchtende Stäbchen und fügen sie zu geometrischen Formen zusammen.
Dem Erhabenen sehr nah
Taz
Steine, Menschen und Seen: Die Grönland-Serie der norwegischen Fotografin Mette Tronvoll im Bethanien
Das Szenario ist immer dasselbe: hinter rauhen Bergkämmen ein Streifen Himmel, manchmal von einer mächtigen Wolkendecke überhängt. Ganz nah das Wasser, ölig spiegelnd; dazwischen das goldgelb mit Blumen durchwirkte Land. Ein unabänderliches Szenario, mit einem Hauch von Ewigkeit behaftet. Nur fahle Sonnenstrahlen am Nachmittag, dünne Nebelschwaden morgens oder das bläuliche Licht, wenn das Dunkel in den Tag hinüberbricht, markieren den Zeitablauf und variieren den Bildgrund. Das Sujet aber sind die Menschen, die in der heißen Quelle baden. Die Fotografin hat sie frontal aufgenommen, sie stecken bis an die Schultern im Wasser. Wie alte Büsten etwa…
Die Entdeckung der Schwerkraft
Tagesspiegel
Was, wenn es fiele? Es hängt von der Decke an einer Schnur, aber das Eisen wirkt schwerer, als dass sich eine Kordel seinem Streben nach der Erde widersetzen könnte. „Es ist immer gefährlich, sich mit der Schwerkraft einzulassen“, hat Eduardo Chillida über das Werk gesagt, das er erstmals 1953 im Guggenheim Museum in New York aufhängte. „Desde dentro – Von Innen her“ ist die erste von Chillidas „Gravitationen“, seinen Fehden gegen die Schwerkraft. Jetzt ist sie in Berlin zu sehen…
Ein bisschen Zukunft ist immer
Taz
Denken im Dekor: Der britische Künstler Liam Gillick liebt Referenzen an Literatur oder Philosophie und stattet seine Ausstellungen gerne als Plattform für Utopien aus. Jetzt sind seine Arbeiten in der Galerie Schipper und Krome zu sehen
Das Denken über die Zukunft pflegt die Zukunft zu ändern. Diesen von Medienforschern täglich erprobten Grundsatz hat Liam Gillick in Essays und Interviews öfter verlautbart. Denn Gillick ist ein Mensch, der sich über die Zukunft Gedanken macht. Momentan bringt ihn die Zukunft Österreichs besonders ins Grübeln, weshalb er in der Galerie Schipper und Krome eine sauber gerahmte Grafikarbeit mit folgendem Inhalt aufgehängt hat: „Fuck the new austrian government“…
Krieg und Frieden, bezeugt von Agfa
Tagesspiegel
Herr Shouker, als das „PenPal Project“ 1997 startete, schien eine Lösung des palästinensich-israelischen Konflikts zum Greifen nahe.
Shouker: Es war eine Zeit der Euphorie in Israel. Alle fühlten, es gebe eine Chance für den Frieden. Das gab uns Antrieb. Wir wollten den Menschen in Israel und in den palästinensisch verwalteten Gebieten helfen, persönliche Kenntnisse voneinander zu gewinnen. Und zwar andere als die, die von den Medien vermittelt werden. Es liegt in der Natur der Medien, vor allem das Negative zu zeigen: Katastrophen, Morde, Anschläge…
Die Zeit der Städte, Kunst im öffentlichen Raum
Frankfurter Rundschau
Eine Beschreibung einer Reflexion, oder aber eine angenehme Übung zu deren Eigenschaften“ ist ein Titel, unter dem man sich alles hätte vorstellen können – nur nicht den so angekündigten Vortrag Olafur Eliassons, der jetzt die diesjährige Reihe der Berliner Lektionen abschloss. Als wolle er den Titel der Matinee auf die Schippe nehmen, sprach der dänische Kunststar aus Island, dafür bekannt, Kunst mit Physik, Philosophie, Mathematik, Architektur und Neurowissenschaft zu konjugieren, so einleuchtend, kurzweilig und unprätentiös aus dem Stegreif, dass man sich wünschte, an den Universitäten würden nur solche Dozenten zugelassen…
Philosophie des Rasenmähens
Tagesspiegel
Mühsam wird er über den Rasen hin und her geschoben, walzt die Wiese platt und dröhnt. So unerträglich laut, dass der Gärtner Schönbrunner Park Ohrenschützer in Wien tragen muss. Die anderen Grünpfleger in Toni Kays sechs Filmen, die er unter dem Titel „Lawnmower“ zusammengefasst hat, scheinen den Lärm gelassener hinzunehmen. Schließlich ging es dem Künstler darum, die Tätigkeit des Rasenmähens als eine Art mönchische Arbeit darzustellen, die aus Fürsorge für die Natur, gleichmütig und ausdauernd, geleistet wird. Denn, so gewaltsam uns auch der Eingriff des Rasenmähers erscheinen mag, fördert das Schneiden des Rasens das Wachstum der Grashalme. Durch das Abschneiden werde die Natur des Rasens „in einer Symbiose von Künstlichkeit in der Natur mit dem natürlichen Tun des Künstlichen geradezu forciert“, schwärmt der Künstler im Erklärungstext…