Eine Auswahl
Von Höhenflügen und Katzenjammer. Das Festival «Politics of ecstasy» im Berliner Hebbel am Ufer
NZZ 2009
ch und das Du. Das Ich und der Andere. Das Ich und die Welt. Die Spaltung war schon immer da: Anfang des Bewusstseins und Beginn der Zivilisation. Oder zumindest unserer auf dem Individuum, auf Identität und Differenz basierenden Kultur des Okzidents. Dem Mythos nach stand der Osten hingegen von früh an im Zeichen des Gegenteils: der Verschmelzung des Ichs mit der Gemeinschaft, des singulären Körpers mit Natur und All. Ein Gefühl, das wir nur als Ausnahmezustand kennen und mit einem griechischen Wort, das zunächst «Verrückung», «Verwirrung», aber auch «Versenkung» hiess, Ekstase nennen.
Hoch über der Asche. Das Napoli Teatro Festival Italia
NZZ 2008
Einerseits soll es international sein, damit niemand sagt, Neapel bekomme vom Rest der Welt nur den Giftmüll ab. Man hat also Berühmtheiten eingeladen – Jan Fabre, Silviu Purcarete, Enrique Vargas, Alvis Hermanis –, eine Europäische Theaterkompanie gegründet, ausländischen Autoren neue Stücke in Auftrag gegeben, mit anderen Festivals von Manchester bis Santiago de Chile Partnerschaften geschlossen. Anderseits will der künstlerische Leiter Renato Quaglia das heuer aus der Taufe gehobene Napoli Teatro Festival Italia in der Stadt verankern, die es beherbergt. Man beginnt mit der Pflanzung von 410 Bäumen im Park des Vesuvs – zum Ausgleich des theaterbedingten CO 2 -Ausstosses. In der Zukunft soll eine Solarenergieanlage dafür sorgen, dass die Veranstaltung keine negativen Auswirkungen auf ihre Umwelt zeitigt. Zu den positiven kann man vorerst die Erschliessung grossartiger Baudenkmäler für Theaterbesucher zählen.
Theater/ Transformation Text Theater. Dimiter Gotscheff und Heiner Müller
RBB kulturradio 2008
Das überaus reale Durcheinander
taz 2007
Eine unerwartete Form von Gegenöffentlichkeit: Leben zu erzählen ist die Stärke des neuen deutschen Dokumentartheaters. Fast wie Journalisten arbeiten heute die Regisseure – nur dass sie dabei nicht über, sondern mit ihren Protagonisten reden
Womöglich hatten es die Kritiker, die die Auswahl trafen, nicht erwartet: Als Andres Veiels „Der Kick“ vergangenes Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, schlug das Stück wie ein Sprengkörper auf die geglättete Oberfläche der von piekfeinen, aber friktionslosen Inszenierungen geprägten Theaterenklave. Denn das, was da zwei grandios wendige Schauspieler dem Publikum präsentierten, waren keine effektsicheren Sätze eines good made play, sondern Aussagen von Einwohnern des uckermärkischen Dorfs Potzlow, in dem Jugendliche einen Gleichaltrigen auf monströse Art und quasi vor den Augen der Nachbarn ermordet und verscharrt hatten.
Monatelang hatten Veiel und die Dramaturgin Gesine Schmidt im Ort recherchiert und Zeugnisse über den Mord, das Opfer und seine Schächer gesammelt.
Die Überflüssigen
taz 2006
Streicheleinheiten für das linke Gewissen: wie den tragikomischen Dramen des russischen Dichters Anton Tschechow durch die Sinn- und Arbeitskrisen der Gegenwart aktuelle Bedeutung zuwächst
„Was ist los mit mir?“, fragt Iwanow seinen Freund Pawel Lebedew. Perplex ist er, ratlos bis zur Verzweiflung. Iwanow, einer der vielen bankrotten Gutsherren, die Tschechows Dramen bevölkern, hat gerade erkannt, dass er ein überflüssiger Mensch geworden ist. Überflüssig – ein Prädikat, das ins Mark trifft. Der leidenschaftliche, risikofreudige, freimütige Heißsporn, der er war, hat sich als Blindgänger erwiesen. Jetzt fühlt er, außer Müdigkeit, nichts. „Ich habe mir eine Last auf den Rücken geladen, aber der Rücken hat es nicht getragen“, haucht Samuel Finzis Iwanow über die Planken der Berliner Volksbühne.
Ostermeier im Interview: Trauer tragen
FAZ 2006
Abends, kurz vor den Proben zu „Trauer muß Elektra tragen“, das am 4. März Premiere hat, sitzt Thomas Ostermeier in seinem Büro in der Schaubühne vor seinem langen Besprechungstisch und kippelt mit dem Stuhl. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert mit tiefen Zügen.
Über O’Neills Dramentrilogie aus dem Jahr 1931, die er gerade inszeniert, möchte er eigentlich gar nicht reden. Was er damit ausdrücken will, das soll die Inszenierung zeigen. Aber die Schaubühne am Lehniner Platz befindet sich trotz wachsenden Publikumserfolgs und einer Platzauslastung von 94 Prozent in finanziellen Schwierigkeiten. Sasha Waltz hat ihren Kooperationsvertrag gekündigt, 600.000 Euro aus dem Schaubühnenetat sind abgezweigt worden, um die Tanztruppe der Starchoreographin zu fördern. Und dazu hat der künstlerische Leiter der Schaubühne etwas zu sagen.
Todgeweiht vor Freude quietschen
Taz 2006
Hemmungslose Hedonisten, Speichellecker und Erbschleicher sind das Personal der klassischen Intrigenkomödie „Volpone“. Vor allem ist Dimiter Gotscheffs Inszenierung am Deutschen Theater jedoch ein Spektakel der Schauspieler
Mit gerecktem Kinn, erhobener Stirn und straffer Haltung stellt sich Volpone, der große Fuchs, dem Publikum vor. Ein Herr in geckenhaftem Anzug, der selbstgewiss in die Ferne blickt. Mephistophelisch, anzüglich und irgendwie mit einem Blitz von Wahnsinn im Augengrund. Dem Gold, das er in Fülle besitzt, gilt seine Morgenandacht.
Lehren aus der Tiefe der Probebühne
taz 2005
Ganzwerdung mit mehr Wille als Vorstellung: In dem Interviewband „Luk Perceval. Theater und Ritual“ erfährt das Theater eine Verklärung, mit der man nicht mehr gerechnet hat
An irgendeiner Stelle hat es gehapert. Fragt sich nur, an welcher. Besser gesagt: Wer dafür zuständig war. Der gerade im Alexander Verlag Berlin erschienene Band „Luk Perceval. Theater und Ritual“ ist ein 256 Seiten starkes Mixtum compositum aus Essays und Interviews von und über Luk Perceval. Über den Regisseur, der seit seinem Stück „Schlachten“ von 1999 unter Genieverdacht steht und kürzlich als Hausregisseur an die Berliner Schaubühne berufen wurde, erfährt man darin allerlei. Vieles davon dreimal. Viermal. Zigmal. Als ginge es nicht darum, einen Regisseur mit einer bestimmten Idee vom Theater vorzustellen, sondern um die Verkündigung einer theatereschatologischen Doktrin.
An irgendeiner Stelle hat es gehapert. Fragt sich nur, an welcher. Besser gesagt: Wer dafür zuständig war. Der gerade im Alexander Verlag Berlin erschienene Band „Luk Perceval. Theater und Ritual“ ist ein 256 Seiten starkes Mixtum compositum aus Essays und Interviews von und über Luk Perceval. Über den Regisseur, der seit seinem Stück „Schlachten“ von 1999 unter Genieverdacht steht und kürzlich als Hausregisseur an die Berliner Schaubühne berufen wurde, erfährt man darin allerlei. Vieles davon dreimal. Viermal. Zigmal. Als ginge es nicht darum, einen Regisseur mit einer bestimmten Idee vom Theater vorzustellen, sondern um die Verkündigung einer theatereschatologischen Doktrin.