Aleppo – aus der Erinnerung

Es war einmal eine Stadt im Nordwesten Syriens. Eine Stadt, die sie in ihre Schönheit und Zeitlosigkeit hineinzog, erzählt Christine Gedeon in ihrer Einführung zum Buch „Aleppo. Deconstruction | Reconstruction“ –  ein Kunstbuch und zugleich so etwas wie ein Erinnerungsalbum, außerdem eine „Rekonstruktion“, wie der Titel besagt, vom inzwischen größtenteils zerstörten Aleppo.

Christine Gedeon wurde in Aleppo geboren. Aber als sie drei war, entschied ihre Mutter, mit dem Kind in die USA auszuwandern. 1976 war es ein Leichtes, in die USA einzuwandern; am Flughafen John F. Kennedy wurde der Mutter eine Green Card in die Hand gedrückt. Später besuchte Christine Gedeon Aleppo nur einmal, 2006. Am geplanten zweiten Besuch hinderte sie der Bürgerkrieg, der weite Teile Aleppos zerstörte.

Ich habe sie nicht gefragt, ob es ihr darum gegangen sei, den Verlust auszugleichen, den Schaden wenigstens subjektiv zu begrenzen. Ich nehme an, dass es so ist. Jedenfalls begann Christine Gedeon, im Fundus der familiären Erinnerungen an Aleppo zu graben, um die Stadt zu „rekonstruieren“, sprich: wieder zu errichten, wenn auch nur als Phantombild. Sie fragte ihre Mutter und Verwandte aus, die ebenfalls in die USA emigriert waren, ließ sich Fotos zeigen, sammelte Bilder und Erzählungen, die mit der Stadt verbunden waren. Sie versuchte herauszufinden, wo sich was abgespielt hatte, und machte die Schauplätze des Lebens ihrer Familie in Aleppo mithilfe ihres Onkels Nabil und von Google Earth auf Aleppos Stadtplan aus. 

Googlemaps-Screenshots, in denen eben jene Schauplätze gekennzeichnet sind, bildeten die erste Schicht einer komplexen Kartographierung der Stadt. Gedeon druckte die Screenshots auf Simulationsbilder der ausgebombten Stadtteile und legte über das hervortretende Muster eine eigene Komposition aus Klebeband, Bleistiftstrichen und Fäden. Das Endergebnis sind Collage-Drucke, die wegen der Reduktion der aufgeschichteten Formen auf klare Linien und geometrische Flächen an Malewitschs suprematistische Zeichnungen erinnern. Doch jedes Bild deutet eine Explosion an, markiert Fluchtbewegungen, Wurfbahnen.

Als sie diese Bilderserie 2017 und 2018 in zwei New Yorker Gallerien zeigte, stellte Gedeon den Collagen schwarze Schilder zur Seite, auf denen sie Auszüge aus ihren Gesprächen mit der Mutter und Verwandten gedruckt hatte. So erfuhr der Betrachter, dass das Pfeil im Bild den Punkt anzeigte, an dem sich der Club d’Alep befunden hatte, wo Tante Claire’s Hochzeit gefeiert wurde, oder die Lateinische Kathedrale, wo einst armenische, syrische und griechische Christen Gottesdienste feierten, oder die Schule Les Frère Maristes, die Onkel Michel und Onkel Nabil besuchten, bis die Familie sich die Gebühren nicht mehr leisten konnte, weil der Staat ihren Landbesitz beschlagnahmt hatte… Die Orte, um die es geht, stehen für Ereignisse, die in der Familiengeschichte der Künstlerin bedeutsam waren. Wiederum spiegelt diese Familiengeschichte die Geschichte Syriens im 20. Jahrhundert wider – eine von Tragödien skandierte

Geschichte.  

Gedeons Großeltern mütterlicherseits kamen aus Mardin in der heutigen Türkei. Sie waren unter den zehntausende Armeniern und Syrische Christen, die am Ende des Ersten Weltkrieges nach Aleppo flüchteten, um dem Völkermord zu entkommen, der in der Türkei vonstatten ging. Sie brachten es in Aleppo zu einem gewissen Wohlstand und erlebten ihre goldenen Jahre in einem Syrien, das bis 1946 unter französischem Mandat stand. Dem nationalliberalen Staat, der die Unabhängigkeit erhielt, war aber kein langes Leben beschieden. Militärputsche folgten, und 1958 wurde die Vereinigte Arabische Republik ausgerufen, in der Syrien mit Abdel-Nassers Ägypten eine Union einging. Da die Republik den Sozialismus einführte – einen ziemlich planlosen allerdings –, wurde der Landbesitz von Gedeons Großeltern beschlagnahmt, so dass sie über Nacht arm wurden. Weitere Staatsstreiche folgten; 1963 kam die Ba’ath Partei ans Ruder; 1970 riss Hafez al-Assad die ganze Macht an sich und etablierte eine Diktatur, die auf Vetternwirtschaft und Unterdrückung basierte. Warum Gedeons Onkel Michel 1978 von Hafez al-Assads Agenten auf dem Platz der sieben Brunnen in Aleppo entführt wurde und im Gefängnis verschwand, ist bis heute unklar. Aber es war das Regime von Hafez al-Assad, das die gesamte Familie der Künstlerin mütterlicherseits ins Exil trieb – lange bevor Hafez al-Assads Sohn Baschar Syrien in ein Schlachtfeld verwandelte und Millionen Syrer in die Flucht trieb. Der Syrische Bürgerkrieg hatte eine Vorgeschichte.

In welche man als Leser des Buches „Aleppo. Deconstruction | Reconstruction“ quasi versehentlich hineingezogen wird. Darin hat Christine Gedeon sowohl die Bilder, die das gleichnamige Kunstprojekt ausmachen, als auch die Materialien ihrer Recherche gesammelt: die Auszüge der Gespräche mit ihrer Mutter und ihrem Onkel Nabil und die Familienfotos, von denen ihre Recherche ausgegangen ist. Alles umrahmt von einem sehr persönlichen Text der Künstlerin und einem Essay von Nasser Rabat, Professor für islamische Architektur am MIT. 

Das Buch soll im August 2020 in der Jane Lombard Gallery in New York und zugleich in der James Simon Galerie in Berlin vorgestellt werden. Hoffentlich wird das Coronavirus Gedeons Pläne nicht durchkreuzen, wie der Syrienkrieg es vor Jahren tat.   

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