Grenzen.Irren

30. April 2020. Jeden Tag ein paar Zeilen ins Tagebuch schreiben – ich hatte mir zu viel vorgenommen. Die Tage sind trotz Corona-Langeweile voll. Die Stunden, die man sonst im Theater, in Bars oder sonst wo mit Freunden verbringen würde, verbringt man jetzt mit ihnen am Telefon. Hinzu kommen die Telefonate mit Eltern, Verwandten und Freunden jenseits der Grenzen. Wir müssen jetzt viel häufiger miteinander telefonieren. Zum einen, um uns zu vergewissern, dass wir alle noch leben, gesund sind, und noch nicht den Verstand verloren haben. Zum anderen, um zu betonen, dass die Grenzen, die jetzt wieder errichtet wurden, uns nicht lange getrennt halten werden. Dass sie nur ein Provisorium sind, das nur kurz Bestand haben wird. Corona hin oder her.

Der Tag, an dem der Satz fiel, die Grenzen seien dicht, bekam ich eine Panikattacke. In dem Moment wurde mir bewusst, wie sehr mein Leben, das private und das berufliche, – nein: das, was ich bin – davon abhängt, dass die Grenzen innerhalb Europas normalerweise nicht wahrnehmbar sind. Da habe ich Romantik und Risorgimento, die Idee des Nationalstaats und alles, was daraus gefolgt ist, und all die Nationalhymnen, die jetzt aus mir unergründlichen Gründen überall – zum Glück nicht in Deutschland – gesungen werden, zigmal verflucht. Verdammt nochmal: Es gab schon mal ein Heiliges Römisches Reich mit der Beifügung „deutscher Nation“. Es bedeutete einfach, dass alle drin waren, obwohl jeder Kleinst-Herrscher tat, was er wollte. Es war kompliziert, es gab auch kriegerische Komplikationen, aber es ging. Im Mittelalter! Warum wir im Jahre 2020 nur wegen eines Virus hinter dem Mittelalter zurückfallen sollen, obwohl wir schon zwischen 1915 und 1945 hinreichend ausgekostet haben, was so ein Rückfall bedeutet, verstehe ich nicht. Jede Zelle in mir sträubt sich dagegen. Nein, wir erleben keine irre Zeit. Wir erleben eine Zeit der Irren.

Ausnahmezustand

28. April 2020. Tag 36 des Lockdowns in Deutschland. Ich habe beschlossen, ab heute Tagebuch zu schreiben. Jeden Tag ein paar Zeilen, um festzuhalten, ob etwas geschehen ist, obwohl nichts geschieht, nichts geschehen kann, nichts geschehen darf, vom Tickern der Nachrichten und der Zahlen abgesehen. Unser aller Leben, das private, einzelne, individuelle Leben, ist gerade im Lockdown eingefroren. Unsere Wohnungen sind der Gefrierschrank, der alles bewahren soll, wie es ist, Bewegungen unterbinden, Veränderungen vertagen. Zugleich geht die Welt – oder sagen wir: unsere Welt, der sogenannte Westen – den Bach runter, mit unfassbarem Tempo. Mit jedem Toten, der im Gemeinschaftsgrab der Covid-19-Verstorbenen verschwindet, mit jedem Lohnabhängigen, der sich irgendwo arbeitslos meldet, mit jedem Flugzeug, das am Boden bleibt, mit jedem Unternehmen, das den Staat um Hilfe bittet, weil es kurz vor der Insolvenz steht, mit jedem Konzert, das nicht stattfindet und jedem Theater, das „bis zum Ende der Saison“ nicht öffnen wird, rückt das Ende näher. Das Einschalten des Radios am Morgen, diese gewohnte Handlung, ein Akt der Geborgenheit, weil ich ihn nur vollziehe, wenn ich zuhause bin, nicht auf Reisen, nicht im Hotel, nicht zu Gast, ist eine tägliche Spritze Angst geworden. Vor dem Virus habe ich keine Angst, zumindest beschäftigt sie mich nicht, die Todesangst. Die Natur hat es so eingerichtet, dass der Mensch den eigenen Tod für eine unwahrscheinliche Möglichkeit hält, bis er da ist. Angst habe ich vor dem Zusammenbruch, der jeden Tag wahrscheinlicher wird. Vor dem Augenblick, an dem der Lockdown nicht nur „gelockert“, sondern aufgehoben sein wird, und wir zur Normalität werden zurückkehren dürfen, wie es allenthalben beschwörend heißt. Was werden wir dann da draußen, in der „Normalität“, vorfinden? Was wird bis dahin „normal“ geworden sein? Was wird es für ein Leben sein, das aufgetaute?