Eine Auswahl
Die Kunst gehört nicht dem Künstler. Mit dem Medienkünstler Costantino Ciervo durch Berlin
Deutschlandfunk. Serie Innenansichten. 2021
In dieser Sendung geht es mit dem Fahrrad quer durch Berlin, um wichtige Orte im Leben des Künstlers Costantino Ciervo zu besuchen. 1984 ist er mit 23 Jahren nach Berlin-Kreuzberg gezogen, wo er mit Freunden aus Neapel über dem Rockmusik-Club „Bronx“ wohnte. Sie seien in der linken außerparlamentarischen Bewegung, die in Italien der Studenten- und Arbeiterrevolte von 1968 folgte, aktiv gewesen, erzählt er. Aber das Projekt sei gescheitert. Für ihn war die politische Enttäuschung ein Grund, Italien den Rücken zu kehren. Hinzu kam, dass er als Lehrer in einer Jugendhaftanstalt hautnah erlebte, wie Korruption gesellschaftlichen Fortschritt verhinderte.

Wir halten Wahlen ab, so wie manche Urvölker Regentänze aufführten
Woz. Die Wochenzeitung. 2015
In Bologna wurden einst Hauswände mit seinem Übernamen vollgesprayt. Jetzt ist der marxistische Denker Franco «Bifo» Berardi erstmals auf Deutsch zu
entdecken. Die Politik sieht er am Ende, aber seine polemische Kraft ist es noch lange nicht.
Der Kronzeuge
Frankfurter Rundschau 2011
Um ein Haar hätte das Treffen mit Massimo Ciancimino nicht stattgefunden. Kurz vor dem verabredeten Termin muss er seine Fahrtroute ändern. Kein Lebenszeichen mehr von ihm. Sein Handy – tot. Er habe es ausgeschaltet, sagt er am nächsten Tag, und sei, statt nach Rom zu fahren, nach Florenz abgebogen. „Um das Unvermeidliche zu vermeiden,“ fügt er hinzu. In der gewundenen Sprache der Sizilianer, die es gewohnt sind, in Andeutungen zu reden, bedeutet das: Um zu vermeiden, ermordet zu werden. Es klingt dramatisch, kann in Italien aber eine realistische Einschätzung der Lage sein. Jeder Mafia-Aussteiger, der mit der Justiz zusammenarbeitet, hat gute Gründe, sich vorzusehen.
Vor allem einer wie Massimo Ciancimino. Denn Ciancimino ist kein gewöhnlicher Mafia-Kronzeuge. Er ist der Sohn von Vito Ciancimino, einem christdemokratischen Politiker, der von 1959 an Stadtbaurat Palermos war und 1970 für kurze Zeit Bürgermeister der Stadt. Und der dreißig Jahre lang für gute Beziehungen zwischen dem italienischen Staat und der sizilianischen Mafia sorgte. Bis zu seinem Tod 2002 hat ihm Sohn Massimo als Postbote, Chauffeur und Mädchen für alles gedient. So hat er Einblicke gewonnen ins Innere der Cosa Nostra, aber auch von deren Verbindungen zur Führungsspitze der Politik erfahren. Für einige, die in Italien das Sagen haben, ist er damit zur Bedrohung geworden. Massimo Ciancimino ist gefährlich – und gefährdet zugleich…
Bilder von Eden. Skandale, Liebe, späte Anerkennung. Das Künstlerleben der Dorothy Iannone
Berliner Zeitung 2006
Zuerst klingelt der Postbote. Dann schellt das Telefon. Dorothy – „nennen Sie mich einfach Dorothy“, hat sie gesagt – eilt von der Tür zum Apparat, nimmt den Telefonhörer ab, bittet den Boten herein. Das Paket ist noch nicht fertig. Das Paket, das jede Menge Kunstkataloge enthält, Dokumente ihrer Ausstellungen der letzten Jahre. Das Paket soll gleich in die Staaten. Eine Schau ihres Werkes läuft gerade in New York. Und jetzt hat man sie auch zur Whitney Biennale eingeladen. Dorothy trippelt zum Schreibtisch. Sie kritzelt mit Filzstift noch ein paar Zeilen auf ein Blatt. Hebt den Kopf. Senkt ihn wieder. Die Unterschrift fehlt. „Sorry, sorry, just ein Moment!“ Sie strahlt den Boten an, der sich indessen etwas verdutzt umsieht in ihrer lichtdurchfluteten Wohnung in Charlottenburg.
Tauchgänge ins Gehirn. Ein Porträt des Schriftstellers Aris Fioretos
Berliner Zeitung 2005
Die S-Bahn war es. Ihr fernes Grollen, das wie unterirdischer Donner klang. Als er, die Hände im Nacken verschränkt, auf dem Sofa liegend, dem Geräusch lauschend, dabei einschlief, ahnte er, den Puls der Stadt gefunden zu haben. Den Soundtrack Berlins. Ein beständiges Rasseln, „wie Rosenkränze in den Händen Herthas“.
Ungefähr so hat er in einer hiesigen Tageszeitung davon berichtet, wie alle Eindrücke damals, bei seinem ersten Berlin-Besuch Ende der Siebziger Jahre, in einem einzigen Ton zusammenschmolzen. Wie sich der Ton dann, Jahre später, als ein topos herausstellte. Zufällig stieß er in Los Angeles auf eine englische Ausgabe von Maschenka, Vladimir Nabokovs Debütroman, 1925 in Berlin fertiggeschrieben.
Der Kranionaut/ ungekürzte Fassung
Der retouchierte Krake. Ein Porträt von Letizia Battaglia
Frankfurter Rundschau 2009
Sie liebe das Leben, sagt sie. Und das Kino, die Dichtung, den Himmel über Palermo. Genau überlegt, liebe sie alles. Nein, nicht lieben: „Adoro“, sagt sie. Was auf Italienisch mehr bedeutet denn lieben. Liebe, Verehrung und Hingabe stecken in dem Wort. Man kann nicht anders, als sie erstaunt anzuschauen, wenn sie „adoro“ sagt, diese 73jährige Frau mit schattenumringten, warmen Augen, bunten Röcken und immer einer Zigarette in der Hand: Letizia Battaglia.
Letizia Battaglia ist mit den Toten bekannt geworden, die sie fotografiert hat. Mafia-
Tote, gerade Ermordete auf den Straßen Siziliens, in ihren Blutlachen oder in durchschossenen Wagen. Kopfüber auf dem Pflaster liegende Leichen, man könnte sie für Penner halten, die betrunken zu Boden gefallen sind. Auf dem entblößten Rücken ein Christus-Tattoo, daneben ein roter Fleck.
Die Bilder haben die Welt durchwandert. Für sie wurde Letizia Battaglia vergangenes Jahr der Erich-Salomon- Preis für Fotografie verliehen. Jetzt bedenkt sie das Willy-Brandt-Haus in Berlin mit einer kleinen Ausstellung, 78 Fotos, ein Abriss ihres Gesamtwerks „Im Kampf gegen die Mafia“.
Da sieht man den Richter Cesare Terranova noch im Fahrersitz kauern, den Kopf gegen die Brust gedrückt, den Bauch mit Löchern gesprenkelt. Ein Junge, er mag 19, 20 gewesen sein, das Engelsgesicht gen Himmel gerichtet, ruht rücklings in der Mitte eines Platzes. Die Neugierigen rundum stieren auf den leblosen, noch warmen Körper wie auf Unabwendbares. Das Fatum ist auf Sizilien der einzig wahre Gott, und die Mafia, die Tote fordert, hat man lange für den Willen Gottes gehalten. Als gehörte sie zum Kreislauf der Welt…
Der Abbruch einer Häuserwand – der Dichter Durs Grünbein
Berliner Zeitung 2001
Wie ein Platzregen
Berliner Zeitung 2001
Der junge Elias Canetti machte im Sommer 1928 Bekanntschaft mit der Berliner Szene
Die Hand wippt über den Seiten, schlägt sie vorsichtig an den Blattzipfeln auf. Das Papier ist vergilbt, aber noch fest, nur die Kanten des Buchdeckels sind abgescheuert. „Berliner Adressbuch 1930“ liest man auf dem Deckblatt. „Man muss den Band des darauf folgenden Jahres nehmen“, sagt der Museumsmann, „die Adressbücher hat man immer später angefertigt.“ Gerd Heinemann liest, überliest. Mit der Fingerkuppe streift er die Spalten, flusekleine Schriftzeichen. Solche, wie sie aus den Buchrücken in den Schränken hervorlugen, die das Depot der Stiftung Stadtmuseum füllen.
Wir waren der Kommunismus
taz 2000
Der Schriftsteller Erri De Luca schloss sich 1968 Italiens Arbeiterbewegung und später Lotta continua an. Heute schreibt er über den Abschied. Ein Porträt
Die Stimme ist rau. „Signore De Luca?“ Aus 1.700 Kilometer Entfernung über die Telefonleitung: „Ich bin’s.“ Freundlich, aber verhalten. Dann eine Pause und das mulmige Gefühl, in jemanden zu bohren, der es nicht gern hat. Erri De Luca hat schließlich schon alles über sich gesagt. Schriftlich. „Ich schreibe nur über meine eigenen Angelegenheiten“, behauptet er steif und fest. Gut. Erfundenes kommt aber hinzu. Wie soll man denn unterscheiden zwischen Wahrheit und Dichtung? „Wenn man es könnte, hätte ich schon längst Probleme mit den Justizbehörden gehabt“, ist die Antwort. Trocken. Keine Fragen mehr dazu. Ich kann davon ausgehen, dass das Telefon des Schriftstellers abgehört wird…
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