Migration/ Ein Integrationsmodell wird abgewickelt. Riace im Visier der Lega

Riace war ein Musterbeispiel an Integration. Flüchtlinge brachten neues Leben in das sterbende Dorf an der ionischen Küste Kalabriens. Bis 2018 lebten Einheimische und Migranten friedlich miteinander. Dann kam der Bürgermeister unter Hausarrest, und die Flüchtlinge wurden weggebracht.
In den 1950er-Jahren begannen Riaces Bewohner auf der Suche nach Arbeit auszuwandern. Kurz vor der Jahrtausendwende war der alte Ortskern im hügeligen Hinterland, Riace Borgo, beinah entvölkert. Dann landete ein Schiff voll kurdischer Flüchtlinge an Riaces Strand. Der Linksaktivist Domenico Lucano und eine Gruppe Gleichgesinnter brachten sie nach Absprache mit den emigrierten Eigentümern in den verlassenen Häusern des Dorfes unter.
Lucano ließ sich 2004 zum Bürgermeister wählen und nutzte staatliche Mittel für die Aufnahme von Flüchtlingen, um sie auszubilden, ihnen Arbeit zu geben und um die dazu notwendige Infrastruktur zu errichten. Auch die Einheimischen profitierten davon. Kita und Grundschule wurden wieder eröffnet, Arbeitsplätze geschaffen, die Mikrowirtschaft des Dorfes angekurbelt. Riace wurde ein weltweit gepriesenes Integrationsmodell.
Im Oktober 2018 stellte die Staatsanwaltschaft des benachbarten Locri Domenico Lucano unter Hausarrest – wegen des Verdachts auf Begünstigung illegaler Einwanderung und anderer Delikte. Der rechtsextreme Innenminister Matteo Salvini ließ die in Riace lebenden Asylbewerber in zum Teil weit entfernte Aufnahmelager im ganzen Land bringen. Alle Versuche, das Integrationsprojekt wiederzubeleben scheiterten. Auch in Riace sind Salvinis rechte Anhänger der Lega im Aufwind.
Deutschlandfunk 2019
Migration/ Arbeitssklaven in Kalabrien. Labor des Wegwerf-Menschen
Rosarno ist eine Kleinstadt im Süden Kalabriens, deren Wirtschaft seit jeher auf dem Anbau von Zitrusfrüchten gründet. Einst ein florierendes Städtchen, hat es seit den 70er-Jahren einen stetigen Niedergang erlebt. Denn irgendwann konnten die kalabrischen Orangen der billigen Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr standhalten.
Um zu überleben, haben die Orangenbauern Verträge mit transnationalen Handelsketten, Saft- und Getränkeherstellern wie etwa Coca-Cola geschlossen. Doch diese globalen Akteure diktieren die Preise auf dem Weltmarkt und drücken sie immer weiter nach unten. Die Orangenanbauer Kalabriens konnten nur überleben, indem sie bis heute vom Elend der Flüchtlingsströme aus Afrika und Osteuropa profitieren.
Die Einwanderer werden als Tagelöhner auf den Straßen Rosarnos angeheuert und schuften auf den Orangenplantagen für 20 oder 25 Euro am Tag. Wenn sie überhaupt bezahlt werden, und wenn sie überhaupt Arbeit finden. Vor allem die meist illegal eingereisten Afrikaner sind dem Gutdünken der Bauern ausgeliefert. Für den Soziologen Fabio Mostaccio sind sie der Prototyp des Wegwerf-Arbeiters, den die neoliberale Globalisierung verlangt.
Deutschlandfunk 2015
Die Invasion der Barbaren, ein Kommentar
WDR5, Politikum 2011
Fachleute sprechen der Lega Nord, die in Italien mitregiert, im Allgemeinen jede historische Kompetenz ab. Schließlich halten die Ideologen der Partei als Inbild eines unabhängigen italienischen Nordens ein Land namens Padanien hoch, das es niemals gegeben hat. Aber jetzt hat ein Vertreter der Lega Nord einen bemerkenswerten Vergleich angestellt: Bei den Flüchtlingen, die derzeit das Mittelmeer Richtung Norden überqueren, handele es sich um eine Barbareninvasion, jener ähnlich, die das Römische Reich zu Fall brachte. Dem Ansturm sei notfalls mit Waffen zu trotzen, meinte der Herr, schließlich hätten sich schon die Römer mit Gewalt gegen den Einfall der Barbaren gewehrt.
Die Römer waren in der Tat kein friedfertiges Volk, sie eroberten die Territorien ihres Reichs mit Lanzen und Bögen, nicht etwa mit Hilfspaketen. Dann aber gewährten sie den besiegten Bevölkerungen römische Bürgerrechte, nebst dem Recht, in ihrem Land die alten Gesetze walten zu lassen, sofern diese den römischen nicht widersprachen. Unter den römischen Kaisern war Afrika die reichste Provinz, die Kornkammer des Reiches. Die römische Integrationspolitik ging soweit, dass eine ganze Dynastie römischer Kaiser aus dem südlichen Kontinent stammte. Von den Gelehrten gar nicht zu reden. Erinnert sich noch jemand an Augustinus, den später heilig gesprochenen Kirchenvater? Geboren wurde er in Thagaste, einer Stadt im heutigen Algerien. Er lehrte Rhetorik in Karthago, das etwas nördlich vom heutigen Tunis lag, bevor er seine Karriere in Rom und Mailand fortsetzte. Würde der Augustinus unserer Tage auf die Idee kommen, mit einem Schiff aus Kartagho auszulaufen und auf Italien Kurs zu nehmen, würde er wahrscheinlich auf Hoher See festgenommen. Er würde in ein überfülltes Lager gebracht, in Freiluft-Käfigen unter sengender Sonne eingesperrt und womöglich von Polizisten und Lagerwächtern drangsaliert. In diesem „Aufnahmelager“ dürfte er dann auf sein Schicksal warten.
Wem das römische Reich und der Kirchenvater allzu antik vorkommen, der kann auf die jüngere Geschichte schauen. Denn angeblich gründet das moderne Europa auf den Prinzipien der Aufklärung, also auch auf der uneingeschränkten Anerkennung der Menschenrechte. Angeblich sind diese allgemeingültig. De facto hört ihre Allgemeingültigkeit an den Grenzen der EU auf. Da beginnt die Domäne der europäischen Grenzschutztruppe Frontex. Und die muss, koste es, was es wolle, jeden aufhalten, der dummerweise ins Gelobte Land Europa eindringen will.
Verstand? Vernunft?
Von diesen Leitbegriffen der Aufklärung ist auch wenig übrig. Unternehmer mögen noch so laut sagen, dass sie dringend Fachkräfte aus dem Ausland brauchen. Demoskopen mögen noch so eindringlich warnen, dass sich die alternde europäische Gesellschaft ohne Zuwanderung bald keine Renten mehr leisten kann. Zeitgenössische Politiker können nur bis zu den nächsten Wahlen denken.
So wirft Europa die Meilensteine seiner Geistestradition blindlings über Bord. Was wird vom alten Kontinent überhaupt übrig bleiben, wenn die Schwellenländer, wie sie heute noch heißen, ihn wirtschaftlich überflügelt haben? Das ist freilich keine Frage für Regierungschefs. Also was soll’s? Auch das römische Reich ist schon mal untergegangen.
Knast für Menschlichkeit. Die Geschichte der tunesischen Fischer, die Flüchtlinge retteten
WDR3 Resonanzen 2011
Anmoderation
„Festung Europa“ nennen Flüchtlingshilfsorganisationen die Europäische Union, eine Beschreibung der EU- Migrations- und Füchtlingspolitik, die leider äußerst zutreffend ist. In diesem Punkt nämlich sind sich die EU-Regierungen absolut einig: Migranten und Flüchtlinge gehören nicht nach Europa. Sie müssen abgewehrt werden. Mit allen Mitteln.
Das Mittelmeer ist die längste EU-Grenze und besonders schwer zu kontrollieren. So versuchen Jahr für Jahr Tausende von Menschen aus Afrika und Asien, auf klapprigen Booten die nördlichen Mittelmeerufer zu erreichen. 18.000 Menschen, so schätzt man, sind bei diesem Versuch bislang gestorben. Die EU tut nichts, um das Massensterben zu verhindern. Im Gegenteil. Die EU überträgt immer mehr Befugnisse auf Frontex, die Europäische, so genannte Grenzschutzagentur, deren Einsatzkräfte die Außengrenzen der EU kontrollieren.
Als die tunesischen Kapitäne Zenzeri und Bayouth – gemeinsam mit den fünf weiteren tunesischen Fischern ihrer Besatzung – im Jahr 2007 44 Flüchtlinge in Seenot retteten, erlebten sie als Antwort auf diese menschliche Aktion die Härte der italienischen Justiz. Sie wurden wegen Schlepperei angeklagt, und, da sich diese Anschuldigung nicht beweisen ließ, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt. Erst im September dieses Jahres erwirkte ein engagierter Anwalt im Berufungsverfahren ihren Freispruch. Aureliana Sorrento hat Kapitän Zenzeri getroffen:
Beitrag
Autorin:
Kapitän Zenzeri ist freigesprochen worden. Immerhin, aber Erleichterung ist in seinem Gesicht nicht zu finden. Wie denn auch? Sein Kutter wurde von den italienischen Behörden zerstört, seine Fischerei-Lizenz drei Jahre lang von Italien zurückbehalten. Das hieß für ihn: drei Jahre Arbeitslosigkeit. Die Raten für das abgewrackte Schiff muss er dennoch bezahlen.
An jene Nacht, in der die Hölle begann, erinnert sich Zenzeri genau. Starker Seegang herrschte im Mittelmeer…
O-Ton Zenzeri, Track 2 0:0 bis 1:12
Arabisch…
Übersetzer:
Wir waren sieben Fischer, es war der 6. August, und wird sind Teboulba, einem Fischerdorf, in See gestochen, um zu fischen. In der folgenden Nacht, in der Nacht vom 7. auf dem 8. August, es war um 5:30 Uhr, sahen wir im Meer ein Gummiboot mit zirka 45 Menschen an Bord. Das Boot war kurz davor, in den Wellen zu versinken, dann wären alle Passagiere ertrunken. Also beschlossen meine Kameraden und ich, die Leute an Bord zu nehmen, um sie zu retten. Was uns glücklicherweise auch gelang.
Autorin
Einige der Schiffbrüchigen befanden sich in akuter Lebensgefahr. Zenzeri sandte einen Notruf, der von der italienischen Küstenwache empfangen wurde. Die Italiener wiesen die tunesischen Fischer an, ihnen entgegenzufahren und nach Lampedusa zu folgen. Im dortigen Hafen wurden die Fischer aber nicht von freundlichen Nothelfern, sondern von Polizisten empfangen und in Handschellen gelegt.
O-Ton Zenzeri, Track 7, 3:37- 4:20
Arabisch
Übersetzer:
Wir wurden in eine Zelle gebracht und gezwungen, uns hinzuknien. Sie hielten Maschinengewehre gegen uns gerichtet, wir durften uns nicht bewegen, und wenn wir etwas sagen wollten, schrien sie, dass wir die Klappe halten sollten. Schließlich kam ein gepanzerter Wagen, sie haben uns reingepfercht und zur Untersuchungshaft transportiert.
Autorin
Auf Druck von Menschenrechtsorganisationen wurden die Fischer am 10. September aus der Untersuchungshaft entlassen. Aber am nächsten Tag begann im sizilianischen Agrigent der Prozess gegen die Kapitäne Zenzeri und Badyouth. Man klagte sie des Menschenhandels, der illegalen Einreise und des Widerstands gegen die Staatsgewalt an. Die Fischer hätten sich italienischen Marineschiffen widersetzt, die sie am Einlaufen in italienische Hoheitsgewässer hindern wollten, behauptete die Staatsanwaltschaft. Eine glatte Lüge – doch die Richterin verurteilte die tunesischen Retter zu zweieinhalb Jahren Haft. Nur dank eines engagierten Anwalts, den die Menschenrechtsorganisationen einschalteten, sind Kapitän Zenzeri und Bayouth im letzten September beim Berufungsverfahren freigesprochen worden.
Aber die Botschaft des Schauprozesses war eindeutig und wirkt immer noch: Wer Flüchtlinge in Seenot, die übers Mittelmeer die europäische Küsten ansteuern, rettet, riskiert wahrscheinlich den Knast, mindestens den wirtschaftlichen Ruin.
O-Ton Zenzeri, Track 29, 0:0 bis 0:28
Arabisch
Übersetzer:
In der Tat fürchten sich viele Kollegen vor den Folgen. Sie denken: Und wenn ich jetzt verhaftet werde, wenn mein Schiff zerstört wird, wer soll es mir ersetzen? Wie soll ich mir dann eine neue Existenz aufbauen? Mir haben Menschenrechtler in Italien und Deutschland geholfen. Anderen könnte es passieren, dass sie alleine im Regen stehen.
Autorin
So weigern sich Kapitäne von Frachtern und Fischerschiffen immer häufiger, Flüchtlinge in Seenot an Bord zu nehmen. Das Mittelmeer ist das größte Massengrab der Welt seit dem Zweiten Weltkrieg geworden. Die Einsätze der EU-Grenzschutzagentur Frontex, die 2005 gegründet wurde, haben die Lage verschärft. Frontex soll Flüchtlingsboote schon vor den EU-Grenzen abfangen und in ihre jeweiligen Länder zurückzuführen. De facto drängen die Grenzschützer die meist maroden Boote einfach ab, ohne darauf zu achten, ob sie genug Wasser und Sprit für die Rückfahrt haben. Und ob die Passagiere vielleicht doch Anrecht auf das immer stärker eingeschränkte Asyl haben, wird auf hoher See natürlich nicht geprüft.
Auch hat Italien 2009 Abkommen mit Tunesien und Libyen abgeschlossen, in denen vereinbart ist, dass die Küstenwachen dieser Länder die Flüchtlinge schon in ihren Hoheitsgewässern einkassieren müssen. Flüchtlinge, die von den italienischen Küstenwachen aufgegriffen wurden, schickte man zurück in libysche „Aufnahmelager“, in denen sie Folter und Schikanen erwarteten. So sank die Zahl der Flüchtlinge, die an italienischen Küsten landeten, 2010 auf 4000. Zum Vergleich: 2006 waren es noch 37.000. Nach dem tunesischen Frühling kamen jedoch wieder 10.000 Tunesier in Italien an. Sofort wurden Maßnahmen ergriffen, weiß Heidi Bischoff-Pflanz vom Komitee „SOS Mittelmeer – Lebensretter in Not“.
O-Ton Heidi Bischoff-Pflanz, 4:27
Man hat gleich nach dem arabischen Frühling versucht, den Demokratiebewegungen doch zu sagen, sie möchten sich weiter an die Vereinbarungen halten. In Tunesien zum Beispiel ist man sofort auf die Übergangsregierung losgegangen und hat Druck ausgeübt, und hat sie auch allein gelassen, weil da an den Grenzen sitzen unglaublich viel Flüchtlinge aus Libyen und die sollen sie auch behalten. Aber eine Unterstützung gab es in dem Zusammenhang nicht.
Autorin
Im Gegenteil: Die EU hat ihre Abschottungspolitik verschärft und ihre Grenzschutztruppe aufgerüstet. Dabei weiß jeder, dass die Gründe für die massive Auswanderung aus Afrika in Europa liegen.
O-Ton Bischoff-Pfalz, Track 34, 9:11
Wir schicken dahin unsere Reste von Massentierhaltung, und verhindern, dass dort in kleinen Gebieten etwas angebaut werden kann. Wir kaufen Riesenstücke von Ländern, nehmen damit den Kleinbauern die Möglichkeit der Existenz. Und das Schlimmste: Wir zocken an den Börsen mit den Lebensmittelpreisen in diesen Ländern.
Autorin
Aber wie sollten sich EU-Politiker um die Hungersnöte in Afrika kümmern? Gerade sind sie damit beschäftigt, zur Rettung des Euro die europäische Bevölkerung auszuhungern. Wenn das nicht fair ist…
Flüchtlinge auf Sizilien. „Es geht um das Recht aufs Leben“
Frankfurter Rundschau 2009
Der Pfarrer ist wütend. Er sitzt hinter seinem mit Papierstapeln, Fotos und Holzschnitzereien vollgestopften Schreibtisch und schäumt: „Da geht es nicht um Almosen, nicht um christliche Nächstenliebe und nicht um Flüchtlingskonventionen,“ sagt er, während das Telefon schellt. „Da geht es schlicht und einfach um das Recht auf das Leben. Wir haben alle ein natürliches Recht auf das Leben. Kapiert es hier niemand? “ Dann muss Don Carlo ans Telefon. Einmal wieder hat ein Arbeitgeber, ein Hotelier, einem seiner Schützlinge den vereinbarten Lohn verweigert. Was immer wieder passiert auf Sizilien, wenn der Arbeitgeber ein Italiener ist und der Arbeitnehmer (Bild: dpa) ein Ausländer, der aus einem Nicht-EU-Land eingewandert ist. Weshalb Don Carlo immer wieder einschreiten muss.
Erzwungene Rückkehr
Don Carlo ist der Pfarrer von Bosco Minniti, einem Viertel am Stadtrand von Syrakus, das so aussieht, wie die süditalienische Peripherie meistens aussieht: verfallende Neubauten, Abfall, Schrott, verrostete Drahtzäune, augenscheinliche Verwahrlosung. Hier geht es niemandem gut, auch den Einheimischen nicht. Aber ausgerechnet hier hat Don Carlo das Pfarrhaus zum Aufnahmelager, Gästehaus und Anlaufstelle für Migranten umfunktioniert.
Seit über 30 Jahren gibt er allen Flüchtlingen Obdach, die an die Tür der Pfarrei klopfen. Seit ungefähr zehn Jahren, meint er, stammen seine Gäste fast ausschließlich aus afrikanischen Ländern, die sich im Krieg oder in Auflösung– d.h. in der Gewalt von Warlords – befinden. Aus solchen Ländern kommen ja die Migranten, die über das Mittelmeer Italien erreichen. Wenn sie überhaupt das Land erreichen.
Vor Portopalo, dem Fischerhafen nahe Syrakus, den die Migranten- Boote aus Afrika anlaufen, wenn sie von der Route nach Lampedusa abirren, wurden jahrelang Leichen aus dem Meer gefischt. In diesem Sommer sind 73 Eritreer beim Versuch gestorben, mit einem Schlauchboot nach Lampedusa zu kommen. Hunderte anderer Einreisewilligen wurden von der italienischen Küstenwache abgefangen und nach Libyen abgeschoben.
Was nach dem Vatikan und der EU die UN-Kommissarin für Menschenrechte Navi Pillay auf den Plan rief: Da würden Menschen abgeschoben, rügte sie die italienische Regierung, die wahrscheinlich Kriegsflüchtlinge sind, ohne dass ihnen die Möglichkeit gegeben würde, einen Asylantrag zu stellen. Ein Vorgang, der gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstößt.
Gehirne auf der Flucht
WDR3 Resonanzen
Atmo: Zu Tisch, Gerede von der unorthodoxen Parmigiana, unter dem ganzen Text
Autorin
Mit der heißen Auflaufform in der Hand werden mir intellektuelle Höchstleistungen abverlangt. Dass ich je auf den Begriff „unorthodoxe Parmigiana“ kommen würde und gar in die Verlegenheit geraten könnte, ihn erklären zu müssen, das hätte ich mir nie träumen lassen. Zum Glück nimmt Luca mir die Sache ab und erläutert meinen deutschen Gästen, dies sei ein Auberginenauflauf; aber ich hätte die Auberginen – anders als in Italien – nicht vor dem Backen im Ofen noch gebraten.
Was ist denn bei uns überhaupt noch wie zuhause, original-italienisch-orthodox? Auf den Schrank habe ich gegen die Herbstdepressionen eine Lichtdusche gestellt, wie sie in Italien keiner je gesehen hat. Mit Kerzenlicht allein kommen wir Italiener in Berlin nicht aus. Und ohne Parmigiana, den nationalen Auberginenauflauf, auch nicht.
Atmo Track 34
Wir reden Deutsch und Italienisch durcheinander oder ein italo-teutonisch-englisches Kauderwelsch. Annamaria trägt Leggings und knallgrüne Schuhe in perfektem Berlin-Style. Monica arbeitet für deutsche Theater in Funktionen, die es in Italien gar nicht gibt: Sie übersetzt Übertitel und vermittelt italienische Künstler an deutsche Theater. Und Luca gibt den Bohemien so patent, dass seine süditalienische Mutter ihn bestimmt verkloppen würde, wenn sie ihn sähe. Er erzählt, wie er bei seinem letzten Besuch zu Hause die Frage „Was machst du?“ mit „Kunst“ beantwortet habe. Das war die Bestätigung aller mütterlichen Befürchtungen: „Na also, dealst du?“
Luca blieb nichts anderes übrig, als nach Berlin zurückzukehren. Da streitet er sich mit seinem Galeristen über Kunst, Kommerz und Provisionspreise; er leidet unter Liebes- und Sonnenentzug und verkündet gleich wieder: Jetzt ziehe ich weg!
Ich drehe die Lichtdusche auf dem Schrank in seine Richtung: die einzig mögliche Lösung. Ob wir wollen oder nicht – wir bleiben im preußischen Exil.
Atmo Track 39
Italiener im Exil, sagt Fernando und gibt ein bisschen an mit seiner historischen Bildung, das waren in den siebziger Jahren Leute, die in der außerparlamentarischen linken Bewegung mit Artikeln und Büchern agitiert hätten und sich ins Ausland absetzten, um nicht verhaftet zu werden. Wer damals Italiener war und links, galt als Untergrundkämpfer. „Stell dir vor, die sind auf Skiern über die Alpen nach Frankreich geflohen! Und heute…“, sagt er. „Heute,“ unterbricht ihn Annamaria, „bist du in Italien einfach unnütz, wenn du über ein halbwegs funktionierendes Gehirn verfügst.“ Fernando ist erst seit kurzem in Berlin und möchte immer die jüngsten politischen Nachrichten aus Italien ausdiskutieren. Dabei sind wir anderen übereingekommen, dass wir lieber nicht darüber sprechen. Wenigstens solange wir nicht bereit sind, die Alpen in die Gegenrichtung zu überqueren, um das Land mit Elefanten oder Gewehren zurückzuerobern. Es gäbe ja noch die Möglichkeit, sich das Gehirn mit Koks zu vernebeln, sagt Monica, um lauthals singen zu können: Gott sei dank, dass es Silvio gibt. Mit der Singerei gebe es ja es sogar schon Hoffnung auf einen Job im Fernsehen.
Diese Hoffnung hätten 11700 Hochschulabgänger offenbar schon aufgegeben, wirft Monica ein. 2007 hätten so viele Studierte Italien verlassen, um sich im Ausland einen Job zu suchen. Mir kommt es so vor, als sei mindestens ein Drittel davon nach Berlin gezogen.
Atmo Track 44
Peter schnappt langsam ein. Wir würden ihm seine Lebenspläne kaputt machen, klagt er. Er wünsche sich ja nichts mehr, als in die Toskana zu ziehen, in ein Casale auf einem einsamen Hügel. „Als Architekt?“, fällt ihm Fernando ins Wort. „Viel Spaß“, gähnt Monica, die aus Neapel stammt und für deutsche Romantik nicht viel übrig hat. Und Fernando ist nach Berlin gezogen, weil er in Italien als Architekt keine Arbeit fand. Er erklärt Peter, dass es zwar auch in Deutschland mächtig kriselt in der Branche, dass die Krise jenseits der Alpen aber andere Ausmaße und Gründe habe. Erst vor kurzem hätte ein angesehener italienischer Architekt in einer angesehenen italienischen Architektur-Zeitschrift verkündet, er wolle im Ausland berufliches Asyl beantragen. Denn in Italien haben Architekturbüros, die an herrschende politische Seilschaften nicht gebunden sind, keine Chance, bei öffentlichen Ausschreibungen erfolgreich zu sein. Peter murrt. Wir seien alle Schwarzmaler, sagt er. Was hätten wir denn von diesem Berlin, in dem der Himmel immer grauweiß hängt?
Ssstimmt, flüstert Luca.
Du hast keine Ahnung, sagt Monica. Und macht mit der Hand eine Geste, als würde sie Unsinn aus der Luft wegwischen.
Tja, sage ich. Und stelle die Lichtdusche in die Mitte des Tisches. Der Auberginenauflauf ist ohnehin alle, er hat gerade noch ausgereicht. Das nächste Mal backe ich zwei.
Migration/ Der Rückkehrer
Ziyad Younis kam 1980 zum ersten Mal nach Deutschland. Er war aus dem kurdischen Gebiet des Irak geflohen, wo er als Jugendlicher für die Unabhängigkeit der Kurden gekämpft hatte.
SWR2 Leben 2016
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