Nach der Pandemie: Wie unser Gehirn die Corona-Gewohnheiten los wird
Perspective daily 2021
Experimente mit Zebrafischen und Ratten machen Hoffnung, dass uns die Ansteckungsangst und das gezwungene Abstandhalten nicht auf ewig erhalten bleiben.
Vorgestern hatte ich einen Albtraum. »Albtraum« klingt, inhaltlich betrachtet, übertrieben, aber so fühlte es sich an. Es war Sommer, heiß, die Sonne gleißte, wie sie es nur im Süden tut. Ein Ort am Meer, ich hörte die Brandung, es roch nach Salz. Es muss Italien gewesen sein, wo meine Familie lebt. Ich ging mit meiner Mutter aus dem Haus. Da merkte ich, dass ich meine Maske vergessen hatte. Ich suchte verzweifelt in meiner Handtasche. Nichts. Auch die Schlüssel für die Haustür waren weg. Mund und Nase mit etwas anderem zu bedecken, war auch nicht möglich, da ich nur ein trägerloses Sommerkleid trug. Schuldbewusst und ängstlich schlich ich mich an den Häusern entlang, um jede Ecke spähend, ob mir jemand entgegenkam. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht und suchte nach einem Geschäft, um eine Maske zu kaufen. Wurde aber nicht fündig. Dann erwachte ich mit einem Gefühl von Angst und Scham, als wäre ich nackt durch die Gegend gelaufen.
Einmal im richtigen Wachzustand angelangt, erschrak ich dann aus einem anderen Grund.
Der Kranionaut/ ungekürzte Fassung
Dichtung/ Neurologie und Poetik
Dichtung/ Warum ein gut gefügtes Gehirn Verse produziert. Streifzüge zwischen Neurologie und Poetik
Wo einst von der Seele die Rede war, ist heute vom Gehirn die Rede – doch dieser Begriffswechsel vollzieht sich nicht reibungslos, schon gar nicht in der Dichtung. Der deutsche Dichter Durs Grünbein und der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos, seit Jahren eng befreundet, kreisen in ihrem Werk um dieselbe Frage: Was geschieht im Gehirn, wenn Verse entstehen?
Aris Fioretos, 1960 in Göteborg als Sohn einer Österreicherin und eines aus politischen Gründen nach Schweden geflohenen Griechen geboren, lässt in seinem Roman „Die Seelensucherin“ einen exzentrischen Hirnforscher namens Professor Schaumberg nach dem Sitz der Seele im Gehirn suchen: Schaumberg glaubt, eine physische „Punktsubstanz“ nachweisen zu können, die selbst den Tod überlebt. Parallel dazu reist die junge Berlinerin Vera Grund 1925 nach Stockholm, um ihren verschollenen Vater zu finden – ein Mann, der behauptete, keinen Körper zu haben, und einst als Schaumbergs vielversprechendster Fall galt. Mit leiser Ironie erzählt Fioretos von der Anmaßung der Wissenschaft, die Seele physisch dingfest machen zu wollen. In seinem Essay „Mein schwarzer Schädel“ beschreibt er die Aufgabe des Schriftstellers als die eines „Kranionauten“, eines „Schädeltauchers“, der sich selbst beim Denken beobachtet.
Ein Grenzfall macht das Dilemma zwischen Gehirn und Dichtung noch greifbarer: Der schizophrene Patient Ernst Herbeck schrieb in einer österreichischen Klinik rund 1200 Gedichte; sein Psychiater Leo Navratil sah darin den Beweis, dass schizophrene und poetische Sprachphänomene sich überschneiden können.
Auch die Neurobiologie selbst tut sich mit dem Phänomen künstlerischer Kreativität schwer: Wie aus grauer Substanz Bewusstsein oder gar künstlerische Vision entsteht, bleibt ungeklärt; mancher Hirnforscher erklärt das Ich kurzerhand zur Fiktion. Durs Grünbein hält dem einen unerwarteten Verbündeten entgegen – René Descartes, dessen Cogito das Denken erstmals zum „Ich“ macht und der postulierte, es brauche ein „gut gefügtes Gehirn“, um dem Ansturm der Inspiration standzuhalten. Aris Fioretos wiederum sieht in der Literatur einen Mehrwert, der beim Schreiben entsteht und sich jeder wissenschaftlichen Kontrolle entzieht.
Deutschlandfunk 2007