Sachbuch

Ö1, Kontext 28.03.2025


Ö1 Kontext, 18.10.2024


Ö1 Kontext, 31.05.2024


Ö1 Ex libris, 26.05.2024


Ö1 Kontext, 13.10.2023

Verglichen mit den Flussriesen der Welt ist der Tiber ein Zwerg. Nur 100 Meter ist der Fluss in Rom breit; im Durchschnitt transportiert er gerade einmal 200 Kubikmeter Wasser pro  Sekunde. Zum Vergleich: Der Rhein bringt es in Köln auf eine Breite von 350 Metern und  2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Würde er nicht durch Rom mäandern, wäre der Tiber einfach nur der drittlängste Fluss Italiens und ziemlich unbedeutend geblieben.

Das ist dem neuen Buch von Birgit Schönau „Die Geheimnisse des Tibers. Rom und sein ewiger Fluss“ zu entnehmen. Dennoch ist die langjährige Italien-Korrespondentin überzeugt: Ohne den Tiber wäre Rom nie Rom geworden. Aureliana Sorrento hat ihr Buch gelesen. 


Claudia Echinger-Maurach – Michelangelo

Ö1 Kontext, 25.08.2023

„Michelangelo“ – mehr als den Namen braucht ein Buch über das Allroundgenie, das mit Leonardo und Raffael den Olymp der italienischen Renaissance einnimmt, nicht als Titel.

Dem Bildhauer, Maler und Architekten Michelangelo hat die Kunstwissenschaftlerin Claudia Echinger-Maurach, nach ihrem Publikationsverzeichnis zu urteilen, etliche Forschungsjahre gewidmet; nun hat sie aus ihren Kenntnissen für die Reihe C.H.Beck Wissen ein 128 Seiten schmales Bändchen destilliert. Dem Konzept der Reihe folgend soll es einen ersten Eindruck von Leben und Werk des Künstlers vermitteln.


Gradwanderung. Eine klimapolitische Sam

melrezension

IP/ Internationale Politik, 27.02.2023

Die Erderwärmung schreitet voran, und das gefährdet die Lebensgrundlagen nicht nur des Menschen in wachsendem Maß. Vier Neuerscheinungen mit Ideen zur Rettung des Planeten.

Ist nicht eigentlich schon alles gesagt? Beschrieben, beredet, zerredet? Die Frage drängt sich auf, wenn man eines der zahllosen Bücher zum Klimawandel in die Hand nimmt, die gefühlt täglich auf den Markt kommen. Wissen wir nicht längst, dass wir gerade mit Vollgas unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten gegen die Wand fahren?

An der Un- oder Scheintätigkeit der Entscheidungsträger dieser elt hat sich nichts geändert. Genauso wenig wie am Konsumverhalten der meisten Bewohner der nördlichen Hemisphäre.
„Wir denken schlau und handeln blöd“, heißt es in Dirk Steffens „Projekt Zukunft“. Das Buch versammelt zehn Interviews, die der Journalist mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen zum Zustand des Planeten geführt hat. Alle Beteiligten waren dabei offenbar bemüht, Optimismus zu verbreiten…


„Die Intelligenz der Pflanzen“. Schlaues Grünzeug

Deutschlandfunk 2016

Evolutionstechnisch sind Pflanzen die erfolgreichsten Lebewesen. Sie könnten auch ohne Menschen leben, wir aber nicht ohne sie. Wenn der Mensch aussterben würde – Pflanzen hätten den Lebensraum in ein paar Jahren zurückerobert. Solche simplen, doch bedenkenswerten Fakten offenbart das Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ des Biologen Stefano Mancuso und der Journalistin Alessandra Viola….


„Der Aufstand“ von Franco Berardi. „Demokratie als solche spielt keine Rolle mehr“

Deutschlandfunk 2015

Der Finanzkapitalismus hat endgültig gesiegt und eine Finanzdiktatur errichtet, deren Zerstörungskraft an die von Kriegen heranreicht. So lautete bereits 2011 der niederschmetternde Befund von Franco Berardi in seinem Essay „Der Aufstand“. Zu den Schuldigen an dieser Entwicklung zählt der italienische Philosoph auch das Internet.

Franco Berardi: „Was ist denn der Finanzkapitalismus? Wertakkumulation ohne Produktion. Eine Geldvermehrung, die allein durch Geldzirkulation zustande kommt, ohne dass das Geld über den Umweg der Realwirtschaft und der Produktion geleitet werden müsste.“

Profite werden nicht mehr durch die Herstellung von Gebrauchsgütern generiert, sondern einfach durch Geldwert, der sich selbst reproduziert. In die Sprache der Semiotik übersetzt heißt das, dass sich der monetäre Signifikant seiner Funktion der Referenz auf reale Dinge entledigt hat.

Darin sieht Berardi den Höhepunkt eines Abstraktionsprozesses, der im 20. Jahrhundert gelaufen ist und alle Lebensbereiche erfasst hat. Dessen Keimzelle macht er interessanterweise nicht etwa in der Sphäre der Ökonomie aus, sondern in jener der Poesie: im französischen und russischen Symbolismus.


Alltag im Kirchenstaat: Die kleine Welt des Vatikan. Ein Buch von Aldo Maria Valli

Deutschlandfunk 2015

Der katholische Kirchenstaat funktioniert nach ganz eigenen Regeln. Wer nicht gerade Vatikan-Korrespondent ist, dem bleibt dieser Kosmos verborgen. Einer dieser Berichterstatter, Aldo Maria Valli, hat seine Einblicke in die Beziehungsgeflechte und den Alltag der Kirchenoberhäupter aufgeschrieben. Jetzt ist sein Buch ins Deutsche übersetzt worden.

„In dieses Buch sind meine Erfahrungen aus vielen Jahren eingeflossen. Ich mache diesen Job schon lange, seit 1995. Über all die Jahre habe ich Leute kennengelernt und viele Orte gesehen, die dem Publikum unzugänglich sind. Das geschah immer zu beruflichen Anlässen. Der Vatikan ist eine extrem geschlossene Welt, die Schwierigkeiten hat mit der Außenwelt zu kommunizieren. Vor allem über ihre umstrittenen Seiten.“

Aldo Maria Valli, Vatikan-Korrespondent des italienischen Staatsfernsehens, hatte sich allerdings kein Buch über die „umstrittenen Seiten“ des Vatikan vorgenommen. Kein Enthüllungsbuch über die kirchlichen Finanzen à la „Vatikan AG“ von Gianluigi Nuzzi. Kein Skandalbuch über die ungeklärten Todes- und Entführungsfälle, die sich in der Vatikanstadt ereignet haben. Den „Schattenseiten des Vatikan“ hat er ein Kapitel gewidmet, aber sie stehen nicht im Zentrum seines Buches „Die kleine Welt des Vatikan“. Der Band ist vielmehr ein Vademecum des Alltags im Staat der Päpste…


Mussolini-Devotionalien an der Autobahnraststätte 

Das Parlamanet 2010

Der Schweizer Historiker Aram Mattioli über die Umdeutung der faschistischen Vergangenheit

 Als Silvio Berlusconi 1994 seine Koalition aus der gerade gegründeten Partei Forza Italia (FI), der separatistischen Lega Nord und der neofaschistischen Alleanza Nazionale (AN) der Öffentlichkeit präsentierte, war ein Tabu gebrochen. Zum ersten Mal in der eurpopäischen Nachkriegsgeschichte wurden rechtsextremistische und neofaschistische Parteien in eine bürgerliche Koalition eingebunden. In keinem anderen Land Westeuropas wäre das denkbar gewesen – und schon gar nicht, dass der Vorsitzende einer Regierungspartei Mussolini als den größten Staatsmann des Jahrhunderts bezeichnet, wie es AN-Chef Gianfranco Fini kurz nach den Wahlen tat. Inzwischen hat Fini selbst seine Aussage revidiert – ohne jedoch verhindern zu können, dass seine Parteifreunde, von Exponenten der Lega Nord und Berlusconis FI flankiert,

revisionistische Thesen unters Volk brachten und gesellschaftsfähig machten.

Die italienischen Revisionisten sind zwar keine Holocaust-Leugner. Aber es geht ihnen darum, Mussolinis Regime zu rehabilitieren, es in eine „gutmütige“ Diktatur umzudeuten, die Italien viel Gutes gebracht habe und erst mit den Rassegesetzen von 1938, vom rechten Weg abgekommen sei. Und das nur, um sich dem verbündeten Hitler anzubiedern!

Wie eine solche Verdrehung der historischen Wahrheit in Italien möglich gewesen ist, untersucht der Schweizer Historiker Aram Mattioli in seinem Buch „Viva Mussolini!“. Zum einen, so argumentiert Mattioli, hätten die Schmiergeldskandale, die 1993/1994 das damalige Parteiensystem Italiens zum Einsturz brachten, die „Erste Republik“ diskreditiert. In der Bevölkerung habe sich die Meinung durchgesetzt, die alten, nach dem Krieg aus dem Partisanenkampf hervorgegangenen Parteien seien an der allgemeinen Korruption schuld. Ausschlaggebend war laut Mattioli jedoch, dass in Italien eine Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit – anders als Deutschland – nach 1945 nicht stattgefunden hatte, so dass sich ein allgemeines Schuldbewusstsein für die Gräuel der faschistischen Diktatur gar nicht herausbilden konnte. Die Meistererzählung der „Resistenza“ (Partisanenkampf), die mit Hilfe der Alliierten das Land von den deutschen Besatzern befreit hatte, wurde der Gründungsmythos der Republik und verdrängte im kollektiven Bewusstsein die Tatsache, dass die Mehrheit Mussolinis Faschismus gestützt hatte.

Generalamnestie

In der Tat war die italienische Resistenza mit ihren 250.000 Kämpfern die zahlenstärkste in Westeuropa gewesen. Doch – was der Historiker leider unterschlägt – hatte sie für ein Land, das in Jalta dem West- Block zugeschlagen worden war, den Makel, vor allem von Kommunisten geführt worden zu sein. Zwar verfolgten sämtliche im Nationalen Befreiungskomitee zusammengeschlossenen Parteien das Ziel, Italien eine demokratische Staatsform zu geben; doch standen die Kommunisten (PCI) nach 1945 unter Zugzwang, sich als demokratische Kraft zu legitimieren und Toleranz zu demonstrieren. Das war einer der Gründe für die Entscheidung des kommunistischen Justizministers Palmiro Togliatti, 1946 eine Generalamnestie für rechtskräftig verurteilte Faschisten zu verfügen. Kein italienischer Faschist musste sich für die Deportation von 47.000 italienischen Juden oder für Kriegsverbrechen verantworten. Vielmehr half das internationale Entsetzen über den Holocaust der Nationalsozialisten, die Verbrechen der vergleichsweise als „milde“ eingestuften faschistischen Diktatur zu bagatellisieren. So konnten die Italiener ihre Mittäterschaft verdrängen, die Tatsache vergessen, dass die Resistenza von 1943 bis 1945 nicht nur ein Befreiungskampf gegen die deutschen Besatzer, sondern auch ein Bürgerkrieg zwischen Faschisten und Antifaschisten gewesen war, und sich im wohligen Glauben wiegen, sie hätten alle gemeinsam das Land „befreit“.

Leider versäumt es Mattioli in seinem sonst beachtenswerten Buch, die politischen Zusammenhänge zu erklären, die die Schwäche der Antifaschisten nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks im Jahr 1989 bedingten. In einem Land, in dem der Antifaschismus, auf dem die demokratische Verfassung basierte, in erster Linie von Kommunisten getragen worden war, war es ein Leichtes, nach 1989 die antifaschistischen Ideale als kommunistisch zu diffamieren – freilich unter Ausblendung des demokratischen Sonderwegs des italienischen PCI.

Erinnerungskultur

Trotzdem ist die Lektüre von Mattiolis „Viva Mussolini“ unbedingt zu empfehlen: Der Historiker verfolgt Punkt für Punkt den Aufmarsch einer neuen faschistischen Erinnerungskultur von den ersten durch Intellektuelle kolportierten revisionistischen Thesen bis hin zur heutigen TV-Propaganda, die das Bild des „guten Faschisten“ verbreitet.

Im heutigen Italien ist inzwischen normal, was in Deutschland unvorstellbar wäre: Dass Politiker aus Berlusconis Lager bei politischen Kundgebungen den rechten Arm zum Mussolini-Gruß recken, dass sich der Ministerpräsident als „Duce“ feiern lässt, dass auf Märkten, in Kiosken und Autobahnraststätten Mussolini-Devotionalien, Apologien des „Duce“ und seiner Getreuen, sogar Weinflaschen mit Mussolini- und Hitler-Bildern zu erwerben sind – ungeachtet der Tatsache, dass nach der Verfassung von 1948 „Apologie des Faschismus“ ein Straftatbestand ist. Wen wundert es da noch, wenn die Regierenden diese Verfassung umkrempeln wollen?