Mafia/ Im Fadenkreuz. Kalabrien und die ‚Ndrangheta
Als der Priester Giacomo Panizza nach Kalabrien zog, gründete er ein Sozialprojekt für Menschen mit Behinderungen. Er wollte sich für Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Aber in Kalabrien regiert die ‚Ndrangheta, und die diktiert ihre eigenen Gesetze. Seitdem eine seiner Kooperativen das konfiszierte Haus eines Clans bezogen hat, steht Don Giacomo im Visier der kalabrischen Mafia.
Um sein Leben bangen muss auch der Unternehmer Gaetano Saffioti. Er hat die Bosse angezeigt, die ihn jahrzehntelang erpressten; nun lebt er isoliert, von Kameras und Leibwächtern bewacht. Der Geschäftsmann Bentivoglio hat die Schüsse eines Mordkommandos knapp überlebt, doch er ist wirtschaftlich ruiniert. Aber es regt sich Widerstand, immer mehr Menschen sagen nein zur Herrschaft der ‚Ndrangheta.
SWR2 Feature 2014
Der Kronzeuge
Frankfurter Rundschau 2011
Um ein Haar hätte das Treffen mit Massimo Ciancimino nicht stattgefunden. Kurz vor dem verabredeten Termin muss er seine Fahrtroute ändern. Kein Lebenszeichen mehr von ihm. Sein Handy – tot. Er habe es ausgeschaltet, sagt er am nächsten Tag, und sei, statt nach Rom zu fahren, nach Florenz abgebogen. „Um das Unvermeidliche zu vermeiden,“ fügt er hinzu. In der gewundenen Sprache der Sizilianer, die es gewohnt sind, in Andeutungen zu reden, bedeutet das: Um zu vermeiden, ermordet zu werden. Es klingt dramatisch, kann in Italien aber eine realistische Einschätzung der Lage sein. Jeder Mafia-Aussteiger, der mit der Justiz zusammenarbeitet, hat gute Gründe, sich vorzusehen.
Vor allem einer wie Massimo Ciancimino. Denn Ciancimino ist kein gewöhnlicher Mafia-Kronzeuge. Er ist der Sohn von Vito Ciancimino, einem christdemokratischen Politiker, der von 1959 an Stadtbaurat Palermos war und 1970 für kurze Zeit Bürgermeister der Stadt. Und der dreißig Jahre lang für gute Beziehungen zwischen dem italienischen Staat und der sizilianischen Mafia sorgte. Bis zu seinem Tod 2002 hat ihm Sohn Massimo als Postbote, Chauffeur und Mädchen für alles gedient. So hat er Einblicke gewonnen ins Innere der Cosa Nostra, aber auch von deren Verbindungen zur Führungsspitze der Politik erfahren. Für einige, die in Italien das Sagen haben, ist er damit zur Bedrohung geworden. Massimo Ciancimino ist gefährlich – und gefährdet zugleich…
Der retouchierte Krake. Ein Porträt von Letizia Battaglia
Frankfurter Rundschau 2009
Sie liebe das Leben, sagt sie. Und das Kino, die Dichtung, den Himmel über Palermo. Genau überlegt, liebe sie alles. Nein, nicht lieben: „Adoro“, sagt sie. Was auf Italienisch mehr bedeutet denn lieben. Liebe, Verehrung und Hingabe stecken in dem Wort. Man kann nicht anders, als sie erstaunt anzuschauen, wenn sie „adoro“ sagt, diese 73jährige Frau mit schattenumringten, warmen Augen, bunten Röcken und immer einer Zigarette in der Hand: Letizia Battaglia.
Letizia Battaglia ist mit den Toten bekannt geworden, die sie fotografiert hat. Mafia-
Tote, gerade Ermordete auf den Straßen Siziliens, in ihren Blutlachen oder in durchschossenen Wagen. Kopfüber auf dem Pflaster liegende Leichen, man könnte sie für Penner halten, die betrunken zu Boden gefallen sind. Auf dem entblößten Rücken ein Christus-Tattoo, daneben ein roter Fleck.
Die Bilder haben die Welt durchwandert. Für sie wurde Letizia Battaglia vergangenes Jahr der Erich-Salomon- Preis für Fotografie verliehen. Jetzt bedenkt sie das Willy-Brandt-Haus in Berlin mit einer kleinen Ausstellung, 78 Fotos, ein Abriss ihres Gesamtwerks „Im Kampf gegen die Mafia“.
Da sieht man den Richter Cesare Terranova noch im Fahrersitz kauern, den Kopf gegen die Brust gedrückt, den Bauch mit Löchern gesprenkelt. Ein Junge, er mag 19, 20 gewesen sein, das Engelsgesicht gen Himmel gerichtet, ruht rücklings in der Mitte eines Platzes. Die Neugierigen rundum stieren auf den leblosen, noch warmen Körper wie auf Unabwendbares. Das Fatum ist auf Sizilien der einzig wahre Gott, und die Mafia, die Tote fordert, hat man lange für den Willen Gottes gehalten. Als gehörte sie zum Kreislauf der Welt…
Mafia/ Neapel und der Müll
NDR 2008
Neapel gilt seit den 1990ern als chronischer Müllnotstandsfall: Tonnenweise Hausmüll stapelt sich auf den Straßen, weil Deponien angeblich voll sind und geplante Verbrennungsanlagen nie fertiggestellt werden. 2008 erklärte Berlusconi die Krise für beendet, nachdem rund 50.000 Tonnen Müll entsorgt worden waren, teils in deutschen Öfen. Tatsächlich blieben Tausende Tonnen liegen.
Hinter dem Chaos steckt System: Zuständige Konsortien aus Kommunen und Privatfirmen sind vielfach von der Camorra unterwandert, für die das Müllgeschäft nach dem Drogenhandel die lukrativste Einnahmequelle ist. Ermittlungen legen nahe, dass an Orten illegal entsorgten Giftmülls anschließend offizielle Hausmülldeponien errichtet wurden, um Spuren zu verdecken. Der Prozess gegen den Casalesi-Clan endete 2008 mit lebenslangen Haftstrafen, ohne die Macht der Camorra zu brechen. Im „Todesdreieck“ zwischen Neapel und Caserta liegt die Sterblichkeit wegen der Deponien über dem Landesdurchschnitt.
Die Schiffe der Gifte
Greenpeace Magazin, 2008
Vor Kalabrien liegen Wracks mit giftigem und radioaktivem Müll auf dem Meeresgrund. Staatsanwälte wurden zum Schweigen gebracht, Journalisten ermordet. Ein Kronzeuge behauptet, Politiker hätten die Mafiaorganisation ‚Ndrangheta beauftragt, die brisante Fracht illegal zu entsorgen. Wer lügt in dieser unfassbaren Geschichte?
Still ist es im Hafen von Cetraro. Keine Fischer sind zu sehen, nur wenige Boote schaukeln im Wasser am Kai. Um einen Poller hat sich eine Gruppe von Männern versammelt, einer hält eine Angel ins Wasser, andere lachen oder schauen ihm zu. Mit Fremden werden sie nicht reden, hatte die Sprecherin des Fischervereins angekündigt. Die Männer wollen von der Geschichte nichts mehr hören, sie habe ihnen sehr geschadet. Erst wurde das Fischfangverbot verhängt, dann dieses rätselhafte Wrack entdeckt, und nun traut sich niemand mehr, Fisch aus Cetraro zu kaufen. Dieses Dorf nahe Cosenza an der kalabrischen Westküste hat in Italien traurige Bekanntheit erlangt, weil in seinen Gewässern mit Cä-sium kontaminierte Fische gefangen wurden. Dort liegt das Wrack, in dem 120 Container voll radioaktiver Schlacken liegen sollen – glaubt man dem Ex-Mafia-Mitglied und Kronzeugen Francesco Fonti.
Bis 1994 war Fonti ein Mann der kalabrischen Mafia-Organisation ‚Ndrangheta. Er wurde von der Polizei verhaftet, wechselte die Seiten, erklärte sich bereit, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Was er damals über die Struktur und die Geschäfte der ‚Ndrangheta aussagte, erwies sich als zutreffend und aufschlussreich, Fonti galt seither als zuverlässiger Zeuge.
Alles für die Familie
Die ZEIT 2007
Das Blutbad von Duisburg wurde hier geplant, von hier stammen auch die Opfer. Zu Besuch in San Luca
Teresa Strangio läuft in die Küche ihres Hauses und wirft die Zeitungen des Tages auf den Tisch. Sie presst ihren Zeigefinger auf die Zeilen, die sie so wütend machen. Zeilen über den Tod ihres 16-jährigen Sohnes Francesco Giorgi. Er wurde mit fünf anderen Männern vergangene Woche vor einer Pizzeria in Duisburg erschossen. »Ich will endlich die Wahrheit wissen!«, schreit Teresa Strangio. Die kleine, kräftige Frau Anfang 40 wirkt eher wie eine zeitgenössische Medea denn wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat.
Italien/ Die Mafia und die Macht. Ein Kronzeuge sagt aus
Massimo Ciancimino war jahrelang der Handlanger seines Vaters Vito Ciancimino – eines christdemokratischen Politikers, ehemaligen Bürgermeisters von Palermo und Freund des Mafia-Bosses Bernardo Provenzano. Vito verteilte öffentliche Gelder unter Mafiosi und Politikern und vermittelte bei Verhandlungen zwischen der Cosa Nostra und dem italienischen Staat. Vito Ciancimino starb 2002 – jetzt sagt sein Sohn aus: über das Leben seines Vaters, die Verquickung von Mafia und Politik in Italien und, last but not least, über das Verhältnis Silvio Berlusconis zur Cosa Nostra. Aus Cianciminos Zeugenaussagen lässt sich schließen, dass Berlusconis Partei Forza Italia als Handpuppe der Mafia entstanden ist. O-Töne: Massimo Ciancimino (it, darüber dt Übersetzung) Kronzeuge, ehemaliges Mitglied Mafia-Organisation Cosa Nostra und Leoluca Orlando, Leoluca (it, darüber dt Übersetzung), ehem. Bürgermeister Palermo, MdEP Italia dei valori.
SWR2 Wissen 2011
Mafia/ Die Schiffe der Gifte. Eine Recherche in Kalabrien

Panik herrschte in Cetraro, einem Dorf an der kalabrischen Westküste, als im vergangenen September ein Wrack gefunden wurde. Man hatte nach dem Schiff gesucht, nachdem der Mafioso Francesco Fonti gestanden hatte, er habe 1992 im Auftrag der Ndrangheta mehrere giftbeladene Frachter vor der Küste Kalabriens versenkt, darunter die „Cunski“, die radioaktiven Müll transportierte. Glaubt man dem reuigen Mafioso, liegen in kalabrischen Gewässern mindestens 30 Schiffe mit toxischem und radioaktivem Abfall, die von der Ndrangheta im Auftrag des italienischen Geheimdienstes Sismi „entsorgt“ wurden. Die italienische Regierung hat inzwischen dementiert, dass es sich bei dem gefundenen Wrack um die „Cunski“ handelt. Aber der Fund einen Krimi an die Oberfläche gespült, in dem nicht nur die Mafia und der italienische Staat eine dubiose Rolle spielen.
Deutschlandfunk 2008
Sizilien/ Allein gegen die Mafia
Cinisi bei Palermo war in den 70er-Jahren eine Hochburg der sizilianischen Mafia. Giuseppe Impastato stammte aus einer Mafiafamilie und engagierte sich politisch gegen die Mafiosi. Am 9. Mai 1978 wurde er von der Mafia ermordet. Heute ist Peppino Impastato eine Ikone der Antimafia-Bewegung.
SWR2 Wissen 2013
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