Andrea Molesini: Zu lieben und zu sterben
Deutschlandfunk, Büchermarkt, 2012
Andrea Camilleri: Streng vertraulich
WDR 3 Passagen, 2.03.2011
Mammutwerk mit abgeschmacktem Happy End. Julie Orringer: Die unsichtbare Brücke
Deutschlandfunk, Büchermarkt, 26.05.2011
Nanni Balestrinis Roman „Tristano“. Einer von 109027350432000
Frankfurter Rundschau 2010
Der Fluch des Lesers ist, dass er immer nach einem Sinn sucht. Selbst dann, wenn ihm Vorsatz und Vorwort implizit davon abraten. Nanni Balestrinis „Tristano“, wie er 2007 auf Italienisch und nun bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen ist, ist in erster Linie ein Produkt der modernen digitalen Drucktechnik. Ein Roman, der aus zehn Kapiteln besteht, die je 30 Abschnitte enthalten, von denen 20 für jedes gedruckte Exemplar in eine zufällige Reihenfolge gebracht wurden. So erhält jeder Leser seinen eigenen Roman. Jedes der 2000 auf Deutsch erschienenen Exemplare ist ein Unikat, mit einer Seriennummer versehen und dem Hinweis, es handle sich hierbei um einen von 109027350432000 möglichen Romanen.
Die Zahl hatte der Autor Nanni Balestrini, ein Veteran der italienischen Neo-Avantgarde, 1966 errechnet. Damals, so erklärt er in einer Notiz zum Buch, experimentierte er mit einer „Rechenmaschine“ der Marke IBM, um aus literarischen und wissenschaftlichen Büchern extrapolierte Sätze zu montieren, so dass sie Sequenzen von Versen ergaben. Mit dem gleichen Verfahren erstellte er dann Roman-Abschnitte, aus deren Kombination nach algorithmischen Regeln sich eine riesige Anzahl möglicher Romane ergab. Aber 1966 konnte
„Tristano“ nur als quasi „normaler“ Roman erscheinen. Dass die digitale Drucktechnik heute das Herstellen verschiedenster Variationen möglich macht – obwohl freilich nicht alle Varianten gedruckt werden konnten – wirkt wie ein ironischer Kommentar zum Ausspruch, das Buch sei eine kleine Maschine.
Der Sinn von „Tristano Nr. …“, kann man im Bewusstsein der Distanz sagen, die uns heutige Leser von seiner Konzeption trennt, liegt im Herstellungsverfahren selbst. Sprich: in der computergesteuerten, seriellen Erzeugung von Un-Sinn. „Tristano“ , laut Balestrini eine „ironische Hommage an den archetypischen Helden des Liebesromans“, ist eine Montage von Versatzstücken aus Liebesgeschichten. Ein „er“ und ein „sie“ kommen vor, außerdem ein „C“, das mal für sie, mal für ihn, mal für einen Ort steht.
Diese Textfläche, egal in welcher Variante, bietet dem Leser weder einen Plot noch eine Figurenentwicklung, sondern nur Augenblicke mehr oder weniger intensiver Wahrnehmung – als hätte eine Kamera lauter Close-ups diverser Paare in Momenten ihres Zusammenlebens aufgenommen, die dann ein Cutter im Studio überblendet. Aus dieser Grundtextur stechen Sätze hervor, die einem inneren Monolog zu entstammen scheinen.
Einerseits geht es darin um die Struktur des Textes selbst, dessen Funktionsweisen so entblößt werden. Andererseits geht es um die Ziele und das Scheitern jener politischen Bewegung, die sich in Italien zu Beginn der 60er Jahre formierte, 1968/69 und 1977 ihre Höhepunkte hatte und 1979 gewaltsam niedergeschlagen wurde. Nach dem Aufruhr durch die „Bewegung 1977“ nahm der Staat die gesamte Linke ins Visier. Nanni Balestrini war einer der vielen italienischen Intellektuellen, die sich damals nach Frankreich absetzten, um einem Haftbefehl zu entkommen.
Das von ihm und Primo Moroni verfasstes Buch „Die goldene Horde“ (1968-1977), 1988 erschienen, bleibt das Hauptwerk über das italienische „1968“ und die Folge-Bewegungen. Aber eine Vorahnung des Debakels dürfte in der politisch-intellektuellen Avantgarde schon 1966 präsent gewesen sein, wenn es in „Tristano“ heißt: „Man hat das Gefühl diese Erfolge wären einer Gesellschaft geschuldet die unter ihrem revolutionären Ansturm hätte zusammenbrechen müssen und sich statt dessen nach und nach trotz ihrer Opposition erholt hat und sie in einer Serie von Beziehungen die anscheinend unverbindlich sind aber schon bald zu neuen unersetzlichen Verpflichtungen und neuen Berufsaussichten wurden die neue Konsumgüter und einen höheren Lebensstandardmit sich bringen sogar beteiligt hat.“ Insofern darf man diesen einen von unzähligen möglichen Romanen, den man in der Hand hält, auch als Zeitzeugnis einer revolutionären Epoche lesen. Gewiss ist „Tristano“ ein Stück italienischer Literaturgeschichte und mit einem Vorwort von Balestrinis Freund Umberto Eco sowie einem Nachwort des Übersetzers Peter O. Chotjewitz in der deutschen Ausgabe bestens ausgestattet.
Der farblose Himmel: Henning Kobers „Unter diesem Einfluss“
Frankfurter Rundschau 2010
Nichts passiert, ist man versucht zu sagen, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Oder doch eine ganze Menge? Schwer, eine Handlung oder so etwas wie einen roten Faden in diesem Romandebüt auszumachen, das den Titel „Unter diesem Einfluss“ trägt und höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss von Bruce Chatwin und Jack Kerouac entstanden ist.
Nicht zufällig tauchen ihre Namen in dem Sprachmagma auf, in dem der Leser stets unterzugehen droht, von dem er aber mitgerissen, vorwärts geschleudert wird. Zu einem Schlusspunkt hin, der kurioserweise die Fortsetzung der Bewegung ankündigt:
„Ich bin raus. Ich laufe. Der Himmel ist vollkommen farblos.“
Wie Chatwin sind die Brüder Janus und Bobby, die sich als Ich-Erzähler abwechseln, Nomaden aus Neigung und Berufung, on the road fast das ganze Jahr, von dem sie Bericht erstatten. Es dürfte das Jahr 2006 sein: Israel marschiert in den Libanon ein, die Vogelgrippe kehrt nach Europa zurück. Nachrichten hat der Autor als Wahrnehmungssplitter in den Text eingewoben.
Wie auch alles, was den Brüdern widerfährt, besser gesagt: was sie an Eindrücken und Bildern auflesen. Die Reise beginnt in Berlin. Ein verschneites Neujahrs-Berlin, über dem das „Monster Grau“ der winterlichen Wolkenfelder hängt. Auf den Straßen Schneematsch, Autostaus, der Notstand wurde ausgerufen. Von innen aus, das heißt aus Janus ́ Wohnung in einem Hochhaus am Alexanderplatz, wirkt die Stadt wie eine apokalyptische Halluzination.
Das mag an den Tabletten liegen, die Janus schluckt, wie alle in seinem Umfeld. Oder soll es das Lebensgefühl jenes Szene-Berlin spiegeln, in dem die Partys und Gespräche niemals enden, die Menschen wie Monaden umeinander bewegen? Konturen erhalten Janus ́ Freunde und Bekannte jedenfalls nicht; als Namen streifen sie durch den Text, höchstens als Sentenzen- und Dialogstummel-Lieferanten.
Bobby, erfährt man, hat sich in Berlin mit einem satirischen Schlüsselroman unbeliebt gemacht und dann Reißaus genommen. Nun schreibt er aus der Ferne in einem Blog Persönliches und Polemisches. Etwa, dass ihm in zwei Berliner Jahren der Glaube abhanden gekommen sei, der Wahrheit mit journalistischem Schreiben näher zu kommen. Hätte Henning Kober seinen Roman gänzlich in der Hauptstadt spielen lassen, wäre ihm womöglich die endgültige Karikatur der Berliner Medienrepublik gelungen. Aber darauf hat er es offenbar nicht abgesehen.
Bobby weilt inzwischen in L.A., Janus geht im dritten Kapitel auf Weltreise. London, das ihm im Vergleich zu Berlin als die Stadt erscheint, in der der Himmel nicht „weint“, ist die erste Etappe. Dann geht es nach Asien, Nepal, Kathmandu; zurück nach Europa: Paris, Antibes, Cannes. Der Geschwindigkeit der Reise entspricht das atemberaubende Tempo der Prosa: kurze, parataktische, elliptische Sätze. Bilder, Gespräche, Figuren reihen sich aneinander. Dazwischen Erinnerungsfetzen,Tagtraumfragmente.
Ob die rasende Bewegung in Wahrheit eine Flucht vor der Sehnsucht ist? Durch das ganze Buch zieht sich ein Mollton, der sowohl Bobbys Lobeshymne auf die Geschwindigkeit – eine bizarre Parodie des futuristischen Manifestes – wie auch Janus ́ Lebensdurst konterkariert. Dieser reist Hals über Kopf nach Los Angeles, als ihm der Bruder mitteilt, dass ihr Vater nach einem Gehirninfarkt auf der Intensivstation liegt. „Er liegt da wie ein Kind. Geht niemanden etwas an.“ Lakonischer lässt sich die Bestürzung vor der Gebrechlichkeit des Kind. Geht niemanden etwas an.“ Lakonischer lässt sich die Bestürzung vor der Gebrechlichkeit des Menschenlebens nicht ausdrücken. Das Entsetzen vor der Einsamkeit im Inneren eines jeden Schädels.
Dass es letztendlich nur darum geht, über all die 285 Seiten dieses hinreißenden Debüts, ahnt der Leser allerdings erst nach einem Eintrag ungefähr in der Mitte des Romans: „Die entscheidenden Veränderungen geschehen seit Wochen in den Synapsen. Es ist vielleicht keine große Überraschung, war ganz theoretisch absehbar und kann noch eine Weile ignoriert werden, aber es passiert. Das ist der Stand.“ Was sonst noch geschieht, ist nicht wirklich von Belang.
Wenn Identität, wie es heißt, sich fortwährend durch Verknüpfung von Eindrücken, Empfindungen, Erinnerungen konstituiert, dann hat der 28-jährige Autor den Roman dieser endlosen Identitätsfindung verfasst. Den Entwicklungsroman des gegenwärtigen Ichs. Dass darüber der Himmel farblos hängt, darf einen nicht verwundern: Dieses Ich bewegt sich, ob es will oder nicht – nun aber ohne Ziel.
Anstelle einer Ohrfeige: „Das Gegenteil von Tod“ von Roberto Saviano
Frankfurter Rundschau 2009
Das neue Buch von Roberto Saviano ist nur ein kleiner Band, darin zwei Kurzgeschichten. Man könnte sie beinahe für Novellen halten, Leichtfüßiges zum Zeitvertreib niedergeschrieben von einem, der im Untergrund, versteckt, immerzu auf der Flucht und von Leibwächtern umgeben leben muss. Seit dem Erscheinen seines Erstlings „Gomorrha“, der die kampanische Mafia und ihre Machtstrukturen der Welt bekannt machte, steht Roberto Saviano im Visier der Camorra-Bosse, die ihn mit dem Tod bedrohen: als Rache für seinen Mut, die Wahrheit zu sagen und zu schreiben, allen ins Gesicht zu schreien, was niemand wissen wollte.
Mittlerweile beschäftigt die krimitaugliche Story des jungen Autors die Weltöffentlichkeit und die Medien weitaus mehr als das, was er geschrieben hat. Allenthalben wird Saviano gefragt, ob es nicht furchtbar sei, unter permanenter Morddrohung und von Bodyguards bewacht zu leben. In einem Interview hat der Schriftsteller vor kurzem geantwortet, er würde sich über die allgemeine Aufmerksamkeit wundern, doch auch immer wieder fragen, wie er aus der Geschichte nun rauskommen könne.
Alle sind Opfer oder Täter
In Wahrheit weiß Roberto Saviano sehr wohl, dass es kein Raus gibt aus der Geschichte, die er aufgeschrieben hat. Es ist die Geschichte – die Gegenwart – des italienischen Südens. Eine Geschichte, in der alle Jäger oder Gejagte sind, Opfer oder Täter, oder beides in Einem. Davon legt jetzt der kleine Band „Das Gegenteil von Tod“ Zeugnis ab. „Es gibt Orte, an denen geboren werden schuldig werden bedeutet. Der erste Atemzug und der letzte Schnupfen sind ein und dasselbe. Sie bedeuten Schuld“, liest man darin.
Auf den ersten Blick ist „Das Gegenteil von Tod“ eine Hommage an diejenigen, die im Territorium der Camorra wohnen, mit der Camorra-Hölle aber nichts zu tun haben wollen. Normale Menschen, die nur ehrlich leben und lieben möchten. Maria etwa, die heiraten wollte, ein gewöhnliches Leben führen, und die jetzt stets „Wenn die Liebe das Gegenteil von Tod ist“ vor sich hin summt. Maria ist eine Witwe, eine 17-jährige Kinderwitwe.
Ihr Verlobter Gaetano heuerte beim Militär an, wurde zur Friedensmission nach Afghanistan geschickt und kam als zerfetzte Leiche nach Hause zurück. So wie viele andere in seinem Dorf und in Süditalien, die zum Geldverdienen nur eine Wahl haben: entweder fürs italienische Heer in Kriegen fern der Heimat zu kämpfen, die man heuchlerisch Friedensmissionen nennt, oder sich für die Camorra anwerben zu lassen und in deren Dienst zu töten.
Dass es im Grunde keinen Unterschied gibt zwischen den einen und den anderen Söldnern, zwischen denen, die fern der Heimat umkommen und jenen, die auf den Straßen Kampaniens krepieren, macht Saviano deutlich, indem er den Tod Gaetanos in Afghanistan mit jenem Salvatores vergleicht. Salvatore war einer der Jungs, die im Auftrag der Clans Kokain beladene Lastwagen mit einem Wagen begleiten und auf Straßensperren zurasen müssen, um die Polizisten vom Fahrzeug mit der wertvollen Ware abzulenken.
Einmal kam Salvatore von der Straße ab, sein Körper wurde im Auto verkohlt aufgefunden, und identifiziert an der Erkennungsmarke, die er am Hals trug. Einen solchen Anhänger bekommt jeder in Süditalien spätestens zur Taufe geschenkt. Er sei „ein Zeichen“, schreibt Saviano, „das Kennzeichen für ein Land im Kriegszustand. Für ein Land, von dem sich ein Teil im Kriegszustand befindet, aber das Land weiß es nicht“. In der Tat: Das Land nördlich von Neapel weiß es nicht. Besser gesagt: Es will es nicht so genau wissen. Zu viel Wissen könnte sein ruhiges Gewissen und seine Geschäfte ins Wanken bringen.
Seine Wut darüber hat Saviano im zweiten Teil des Buches zu Protokoll gegeben. Seine Wut über das Nicht- Verstehen-Wollen all derjenigen, die anderswo geboren und daher von Anfang an fein raus sind. Von einem Mädchen aus dem Norden ist da die Rede, das einst in den Heimatort des Ich-Erzählers – der niemand anders sein kann als der Autor selbst – kam und alles falsch deutete. Die Blumensträuße und Grablichter, die an den Ecken aufgestellt waren, wo jemand von Kugeln durchsiebt worden war, hielt das Mädchen für Andenken an Unfallopfer.
Die Wut in Händen halten
Wo es Gedenktafeln sah, glaubte es, man habe sie in Erinnerung an Partisanen dort angebracht – dabei hat es im italienischen Süden keinen Partisanenkampf gegeben. Damals ließ der Junge die Fremde gerne glauben, was sie wollte; schließlich wusste er, dass auch in seinem Landstrich ein Widerstandskampf geführt wird: „Es ist ein Widerstand, der sich nicht einmal gegen etwas richtet. Es genügt, dass man nicht dabei ist, um zu fallen.“
Jahre später sei das Mädchen aus dem Norden, nun eine Journalistin, wieder aufgetaucht. Sie fragte, ob zwei der Jungen, die sie als Mädchen im Ort gesehen hatte, von der Camorra erschossen worden seien, wie sie in Zeitungen gelesen habe, weil sie selbst für die Clans arbeiteten. Da habe ihn die Wut gepackt, gibt der Erzähler zu. Die zwei Jungen, die ein kümmerliches Dasein als unterbezahlte Arbeitskräfte fristeten, hatten als einzige Schuld auf sich geladen, auf der Piazza mit einem Bekannten zu plaudern, dem ein Clan eine Lektion erteilen wollte. Der entkam den Killern, die beiden Unschuldigen wurden gemetzelt. Aber dies habe er der Journalistin aus dem Norden nicht erklärt, schreibt Saviano, sie hätte ja weiterhin nichts begriffen. Er habe sich bloß mit Mühe zurückhalten können, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Stattdessen habe er auf sie gestarrt und seine Wut in den Händen festgehalten.
Die Wut, derentwegen er „Gomorrha“ geschrieben hat und weiter schreibt, ist womöglich wirksamer, als Ohrfeigen zu verteilen. Vielleicht hat man dabei das Glück, auf Leser zu stoßen, die verstehen wollen, dass nicht immer Literatur ist, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Manchmal sind die nackten Fakten mehr als genug. Im Fall Savianos allemal.
Utopie mit Stammbaum. Mariolina Venezias Roman „Tausend Jahre, die ich hier bin“
Interview mit Tiziano Scarpa: „Es bedarf einer neuen Sprache“
Frankfurter Rundschau, 2009
Literatur/ Der Dichter und die Stadt. Auf den Spuren des russischen Dichters Andrej Belyj in Berlin
Andrej Belyj
Der russische Symbolist Andrej Belyj (eigentlich Boris Nikolajewitsch Bugajew), 1880 in Moskau als Sohn eines Mathematikprofessors geboren, war mit Romanen wie „Petersburg“ (1913/14) längst ein Klassiker der Moderne, als er von November 1921 bis Oktober 1923 in Berlin lebte. Die Stadt wurde ihm zum Sinnbild eines untergehenden Europas: In seinem Essay „Eines der Domizile des Schattenreichs“ (1924) beschreibt er ein graubraunes, von Verwesung gezeichnetes Berlin – ein Schattenreich, durch das fahle „Lemuren“ wandeln.
Privat erlebte Belyj in Berlin eine tiefe Krise: Seine Frau Assja Turgenjewa verließ ihn, sein verehrter Lehrer Rudolf Steiner mied ihn. Nächtelang tanzte er Foxtrott durch Berliner Bars – für ihn Ausdruck eines Sieges des Unbewussten über die bürgerliche Ordnung, den er, in den Begriffen seiner Zeit, mit Chaos, „Orient“ und Revolution gleichsetzte. Trotz aller Enttäuschung an der Sowjetunion blieb er überzeugt, dass es zur Oktoberrevolution keine Alternative gebe. In Berlin traf Belyj auch die Dichterin Marina Zwetajewa wieder, die nach seinem Tod 1934 seine Einsamkeit in der Emigration in einem Nachruf festhielt.
RBB kulturradio 2006
Tauchgänge ins Gehirn. Ein Porträt des Schriftstellers Aris Fioretos
Berliner Zeitung 2005
Die S-Bahn war es. Ihr fernes Grollen, das wie unterirdischer Donner klang. Als er, die Hände im Nacken verschränkt, auf dem Sofa liegend, dem Geräusch lauschend, dabei einschlief, ahnte er, den Puls der Stadt gefunden zu haben. Den Soundtrack Berlins. Ein beständiges Rasseln, „wie Rosenkränze in den Händen Herthas“.
Ungefähr so hat er in einer hiesigen Tageszeitung davon berichtet, wie alle Eindrücke damals, bei seinem ersten Berlin-Besuch Ende der Siebziger Jahre, in einem einzigen Ton zusammenschmolzen. Wie sich der Ton dann, Jahre später, als ein topos herausstellte. Zufällig stieß er in Los Angeles auf eine englische Ausgabe von Maschenka, Vladimir Nabokovs Debütroman, 1925 in Berlin fertiggeschrieben.
Matenadaran! Swartnoz! Etschmiadsin! Andrej Bitows „Armenische Lektionen“
Tagesspiegel, 2002
Der Abbruch einer Häuserwand – der Dichter Durs Grünbein
Berliner Zeitung 2001
Wie ein Platzregen
Berliner Zeitung 2001
Der junge Elias Canetti machte im Sommer 1928 Bekanntschaft mit der Berliner Szene
Die Hand wippt über den Seiten, schlägt sie vorsichtig an den Blattzipfeln auf. Das Papier ist vergilbt, aber noch fest, nur die Kanten des Buchdeckels sind abgescheuert. „Berliner Adressbuch 1930“ liest man auf dem Deckblatt. „Man muss den Band des darauf folgenden Jahres nehmen“, sagt der Museumsmann, „die Adressbücher hat man immer später angefertigt.“ Gerd Heinemann liest, überliest. Mit der Fingerkuppe streift er die Spalten, flusekleine Schriftzeichen. Solche, wie sie aus den Buchrücken in den Schränken hervorlugen, die das Depot der Stiftung Stadtmuseum füllen.
„Der Hof im Spiegel“: Die Geschichten einer schwirrenden Bahnhofshalle
Tagesspiegel, 2001
„Nekropolis“: Das Himmelsblau über dem KZ. Boris Pahor
Tagesspiegel, 2001
Wir waren der Kommunismus
taz 2000
Der Schriftsteller Erri De Luca schloss sich 1968 Italiens Arbeiterbewegung und später Lotta continua an. Heute schreibt er über den Abschied. Ein Porträt
Die Stimme ist rau. „Signore De Luca?“ Aus 1.700 Kilometer Entfernung über die Telefonleitung: „Ich bin’s.“ Freundlich, aber verhalten. Dann eine Pause und das mulmige Gefühl, in jemanden zu bohren, der es nicht gern hat. Erri De Luca hat schließlich schon alles über sich gesagt. Schriftlich. „Ich schreibe nur über meine eigenen Angelegenheiten“, behauptet er steif und fest. Gut. Erfundenes kommt aber hinzu. Wie soll man denn unterscheiden zwischen Wahrheit und Dichtung? „Wenn man es könnte, hätte ich schon längst Probleme mit den Justizbehörden gehabt“, ist die Antwort. Trocken. Keine Fragen mehr dazu. Ich kann davon ausgehen, dass das Telefon des Schriftstellers abgehört wird…
Danny hat Fernweh. Volker Kaminskis „Söhne Niemands“
taz
Zensur ist die beste Leserin
taz
Hörspiel/ Fiore di campo
Musik: Lucia Ronchetti, Text: Aureliana Sorrento
Das Leben von Giuseppe Impastato war kurz. 1948 in eine sizilianische Mafia-Familie geboren, wandte er sich schon als Jugendlicher gegen die Cosa Nostra. Er propagierte den Kommunismus, organisierte Bauernproteste, schrieb Gedichte. 1976 gründete er den freien Sender ›Radio Aut‹ und persiflierte dort die Mafiabosse seiner Heimatstadt Cinisi. 1978 wurde er ermordet. Collage aus Radiomitschnitten, Gedichten und biografischen Szenen über einen mutigen Menschen. Fiore di campo nasce dal grembo della terra nera, fiore di campo cresce odoroso di fresca rugiada, fiore di campo muore sciogliendo sulla terra, gli umori segreti. Wiesenblume sprießt Im Schoß der schwarzen Erde Wiesenblume wächst Mit dem Duft frischen Taus Wiesenblume stirbt Und dunkle Säfte zerfließen in die Erde (Giuseppe Impastato) Textregie: Götz Naleppa Komposition: Lucia Ronchetti Mit: Tonio Arango, Stefan Kaminski, Eduardo Mulone Realisation: Lucia Ronchetti und Aureliana Sorrento Ton und Technik: Hermann Leppich, Gregorio Karman, Hannes Fritsch und Philip Adelmann Produktion: Deutschlandradio Kultur/Studio für elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin 2016, Länge: ca. 49’20
Deutschlandfunk 2016
Literatur/ Robert Walser in Berlin
Robert Walser (1878–1956), Schweizer Dichter, verbrachte 33 Jahre in der Klinik Herisau, wohin man ihn gegen seinen Willen einwies; die Ärzte diagnostizierten Schizophrenie. Er starb an Weihnachten 1956 bei einem Spaziergang im Schnee.
Prägend wurden die Berliner Jahre 1905 bis 1913. Walser, zuvor Bankangestellter in Zürich, suchte dort ein freies Schriftstellerleben – ermutigt vom Erfolg seines Bruders Karl, eines gefragten Bühnenbildners, der ihn in die Kunstszene um Verleger Bruno Cassirer einführte. Unter der eleganten Gesellschaft fühlte er sich stets als Fremder, als „staunender Bauernbursche“. 1906 entstand sein erster Roman „Geschwister Tanner“, gefördert von Christian Morgenstern; es folgten „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“, dessen Held wie Walser scheitert und sich zurückzieht. Zwischen Faszination und Überdruss schwankend, blieb er ein Beobachter am Rand – von einer Rastlosigkeit geplagt, die Elfriede Jelinek als Fluchtdrang einer Seele deutet, die dem Körper entkommen will.
RBB kulturradio 2007